
Paul Wolfowitz sitzt mit entschlossener Miene am Mahaghoni-Schreibtisch in seinem Büro und unterzeichnet wichtige Papiere. Neben ihm die Stars-and-Stripes-Flagge. Das Foto, das am 22. September 2002 im New York Time Magazine erschien, zeigt jedoch noch ein weiteres symbolträchtiges Detail, dessen sich der damalige US-Vizeverteidigungsminister und Architekt des Irak-Feldzugs sicherlich nicht bewusst war.
Hinter ihm steht ein PC-Bildschirm, auf dem das kleine unscheinbare Zeichen des schwedischen Dachverbands der Angestelltengewerkschaften Tjänstemännens Centralorganisation, oder kurz TCO, prangt. Bis ins Pentagon ist die schwedische Gewerkschaft vorgedrungen. Für Per Erik Boivie, den Initiator des TCO-Labels, ist dieses Bild ein heimlicher Sieg.
In seinem Buch „Global Standard“ erzählt er, wie es die kleine Angestelltengewerkschaft geschafft hat, einen globalen Standard zu setzen, dem sich schließlich selbst Branchenriesen wie IBM, Hewlett-Packard und Sony beugten.
Krankheitsausfälle als Anstoß
Ursprung dieses Erfolgs war eine einfache Einsicht: dass gesundheitsschädigende Geräte eine Menge Kosten verursachen. Die TCO setzte sich schon früh für standardisierte Tests vor allem von Bildschirmen ein, denn kurz nach Einführung der Personal Computer 1981 gab es unter den schwedischen Angestellten schon die ersten Krankheitsausfälle. Die Bildqualität ihrer Bildschirme war haarsträubend und die elektromagnetische Strahlenbelastung hoch. Das führte zu Sehschwierigkeiten und Strahlenhypersensibilität bei den Betroffenen. TCO ließ sich den Zusammenhang von verschiedenen Instituten wissenschaftlich bestätigen und setzte darauf, die Anwender und deren Arbeitgeber darüber zu informieren.
Auch der hohe Energieverbrauch der damaligen Bildschirme schlug sich merklich in den Kosten der Unternehmen nieder. Das TCO-Label überprüft nicht nur die Strahlenemission, sondern auch den Energieverbrauch, ergonomische Aspekte sowie die ökologische Verträglichkeit des Geräts. Vier Punkte, die langfristig gesehen Arbeitsqualität und Kostenersparnis im Unternehmen verbessern. Denn die Produktivität eines Mitarbeiters steigt mit der Bildqualität seines Bildschirms. Wenn das Bild klarer ist, werden weniger Fehler gemacht. Wenn die Strahlung nicht gesundheitsschädlich ist, gibt es weniger Krankheitsausfälle usw.
Dass aus dem Zeichen ein weltweiter Standard wurde – die drei Buchstaben TCO finden sich bereits heute auf schätzungsweise 50 Prozent aller Bildschirme weltweit –, verdanken die Tjänstemännen insbesondere dem deutschen Anwendermarkt. „In Deutschland wurden die Energiesparstandards für Bildschirme schneller adaptiert als in Schweden, weil dort die Strompreise höher waren“, sagt Boivie. Vor allem Behörden, Banken und Finanzinstitute seien es gewesen, die dem Zeichen Anfang der Neunzigerjahre zum Durchbruch verhalfen. Und in Österreich? Auch hier ist der Trend nicht mehr aufzuhalten, wie Matthias Limbeck, Geschäftsführer der ITnT, bei seiner Bilanz für 2008 bestätigt: „Vor dem Hintergrund der aktuellen Klimaschutz- und damit verbundenen Energiespardebatte wird das Thema Green IT in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen, auf die sich Anbieter und Anwender werden einstellen müssen.“
Energiesparen bedeutet nicht nur Kosten senken. Unternehmen von heute achten auf ihren guten Ruf als umweltbewusster Marktteilnehmer. Das Marktforschungsinstitut Gartner hat nicht ohne Grund das „grüne Rechenzentrum“ bereits als eines der Topthemen für das kommende Jahr ausgemacht. Die Computerhersteller haben reagiert, wie IBMs Projekt „Big Green“, Sun Microsystems’ „Sun Eco Initiative“ oder „Dell Earth“ zeigen. Alle namhaften Unternehmen der Branche haben im Laufe des Jahres angefangen, sich im Umweltbereich zu engagieren: AMD, APC, Dell, HP, IBM, Intel, Microsoft, Rackable Systems, Spraycool, Sun und VMware haben die Infoplattform „Green Grid“ gegründet. Google und Intel präsentieren sich zusammen mit dem WWF mit der Initiative „Climate Savers Computing“ in grünem Gewand. Cisco betreibt in Deutschland Aufklärungsarbeit mit der Website www.gruene-it.org.
Noch viel Unwissenheit
Aufklärung und Einsicht führten zum Erfolg des schwedischen Zeichens. Weiterer Bedarf an Aufklärungsarbeit bleibt jedoch, wie eine jüngst von der Experton Group durchgeführte Befragung in rund 100 Unternehmen zeigt: 93 Prozent der verantwortlichen IT-Manager kennen den konkreten Energiebedarf ihrer IT-Infrastruktur nicht. Der Faktor Green IT spielt bei der Kaufentscheidung für sie kaum eine Rolle. Dabei konnten allein schon durch die vom TCO-Label geforderte Funktion des automatischen Bildschirm-Stand-by-Funktion im vergangenen Jahr weltweit mindestens 25 Terawattstunden (TWh) Energie gespart werden. Das entspricht in etwa der Leistung von vier Kernkraftwerken.
Das TCO-Label war also nur ein Anfang – ein Wegbereiter für einen Trend, der bereits vor Jahren bis ins Pentagon vorgedrungen war. Es gibt noch viel zu tun.
Weitere Informationen:
» Manager Magazin: Wenn die Technik grün wird
» Per Erik Boivie
» Gartner Identifies the Top 10 Strategic Technologies for 2008