
Frage: Herr Zimmermann, es gibt eine neue BI-Strategie von Microsoft und der PerformancePoint Server – ein BI-Produkt, das gerade in letzter Zeit so gepusht wurde, ist nicht mehr Teil davon. Können Sie mir das erklären?
Martin Zimmermann: Diese Entscheidung kam für viele unerwartet, zumal der PerformancePoint Server am Markt gut aufgenommen wurde und gerade dabei war, an Fahrt aufzunehmen. Sie lässt aber auch erahnen, wie grundlegend die Überlegungen im Hintergrund sind, sonst würde man so etwas nicht tun. Bevor wir jedoch ins Detail gehen, bitte ich Sie, ein paar Dinge auseinanderzuhalten: denn diese Entscheidung bedeutet weder, dass der Support für dieses Produkt eingestellt wird, noch dass seine Funktionalitäten einfach verloren gehen. Was hier erfolgt, ist eine produktstrategische Konsolidierung, die bei näherem Hinsehen viel Sinn macht und auch unsere Kunden überzeugt.
Frage: Dann tun wir das. Sehen wir näher hin.
Martin Zimmermann: Sie kennen sicher unseren Ansatz: „Business Intelligence for the masses“. Dieser Ansatz ist für uns kein leeres Konzept, das von irgendeiner Werbeagentur erfunden wurde. Er steht für eine strategische Ausrichtung, wettbewerbskritische Informationen möglichst vielen Menschen innerhalb des Unternehmens zur Verfügung zu stellen, wie auch Kurt DelBene (Vice President der Office Business Platform Group) in einem aktuellen Interview zu diesem Thema unterstreicht.
Frage: Ich kann mir schon vorstellen, wohin Sie wollen. Früher gab es Datenbanken, die in riesigen Data Warehouses vor sich hindämmerten. Es gab Leute, die sich am Back-End mit Cubes spielten und aufwendigste Analysen fuhren. Solche Leute und solche Prozesse gibt es heute auch noch. Doch die Intelligenz wird heute vom Information Worker am Front-End eingefordert.
Martin Zimmermann: Microsoft hat schon vor Jahren mit dem SQL Server 2000, der plötzlich Reporting- und Analyse-Funktionalitäten integrierte, die bislang Produkten von Spezialanbietern vorbehalten waren, den ersten großen Schritt in diese Richtung gesetzt. Parallel dazu gab es den SharePoint Server, der sich vom reinen Dokumenten- und Content-Management wegbewegte und sich in Richtung Workflow, Team und Kommunikation öffnete.
Frage: Wenn man will, könnte man sagen, dass sich beide Produkte in Richtung Kommunikation öffneten – was beim SQL Server „Reporting“ und beim SharePoint Server eben „Zusammenarbeit“ ist.
Was hat das für die Annäherung von SQL Server und SharePoint Server auf Produktebene bedeutet?
Martin Zimmermann: Diese beiden Produkte haben sich mit ihren Funktionalitäten immer besser ergänzt. War etwa SharePoint anfangs vor allem ein Produkt für Intranets und Team Sites, war es später möglich, SQL Reports direkt über Webparts anzuzeigen und über ein SharePoint-Portal mit den SQL-Daten zu interagieren. Der nächste Schritt in diese Richtung wird die Integration der Monitoring- und Analyse-Komponenten aus dem PerformancePoint Server in die kommende Version von SharePoint Server sein. Damit kommen wir unserem Versprechen „Business Intelligence for the masses“ wieder einen Schritt näher. Dann werden Dashboards mit aktuellen Daten für eine breitere Anwenderbasis im Unternehmen erschwinglich.
Frage: Können Sie mir und den Lesern vielleicht nochmals erklären, was Sie unter Dashboard verstehen?
Martin Zimmermann: Ich denke, der Begriff „Information Cockpit“ trifft es am besten. Ein Dashboard ist eine Zusammenstellung von Scorecards, Tabellen und Grafiken, die dem Manager alle Informationen, die er braucht, möglichst übersichtlich bereitstellt.
Diese Monitoring-Funktion – „Was ist passiert?“ – war einer von drei Bereichen, die der PerformancePoint Server abgedeckt hat. Wenn man die Darstellungsweisen dieser Daten erweitert, dann hat man den nächsten Bereich – den Analyse-Teil: „Warum ist etwas passiert?“. Der dritte Pfeiler des PerformancePoint Servers war und ist das Forecasting für Finanzplanung und Controlling – „Was soll passieren?“
Frage: Bedeutet die Einstellung des PerformancePoint Server nun, dass diese Funktionen keinen Sinn mehr machen?
Martin Zimmermann: Natürlich nicht. Das einzige, was gegen den PerformancePoint Server sprach, ist, dass er in Bezug auf seine Klientel letztendlich zu inhomogen war. Deshalb werden die ersten beiden Bereiche (Monitoring und Analyse), die für viele Anwender interessant sind, in die nächste Version des SharePoint Server (v14) aufgenommen und ihn damit zur eigentlichen Produktivitätszentrale im Unternehmen machen; zu einer mächtigen Collaboration-Plattform, die zwischen BI-Infrastruktur (Stichwort: SQL Server) und den Office-Anwendungen vermittelt. In diesem Szenario hat der
dritte Bereich (Planning), der nur für wenige Benutzer relevant ist, keinen Platz mehr im Produktportfolio eines Plattformanbieters wie Microsoft.
Frage: Aber Forecasting ist und bleibt doch für jedes Unternehmen relevant …
Martin Zimmermann: Ohne Forecasting läuft keine Firma. Was ich sagen will, ist, dass das Thema innerhalb eines Unternehmens nur einen kleinen Anwenderkreis innerhalb der Finanzabteilung betrifft. Uns geht es aber um den Information Worker und was er für seine Arbeit braucht. Dass unsere Einschätzung so falsch nicht ist, unterstreicht eine aktuelle Gartner-Aufstellung der Funktionalitäten, die eine moderne BI-Lösung bieten sollte. Sie enthält Reporting, Dashboarding, Datenanalyse, Datenqualität, Datenintegration aber eben nicht klassische Forecast-Funktionen wie Finanzplanung und Finanzkonsolidierung. Diese Funktionen sehen wir auch schon durch eine Vielzahl an Partnerlösungen abgedeckt, die basierend auf der Microsoft BI-Plattform – eben SQL Server und SharePoint Server – ihre maßgeschneiderten Lösungen anbieten. Für unsere Kunden und Partner ist dieser Ansatz gleichermaßen gewinnbringend – im wahrsten Sinne des Wortes.
Frage: Und wenn ein Unternehmen den PerformancePoint Server im Einsatz hat und damit zufrieden ist?
Martin Zimmermann: Unsere PerformancePoint Kunden lassen wir natürlich nicht im Regen stehen. Denn wir garantieren nicht nur einen 10-jährigen Support auf das Produkt, sondern bieten ihnen auch die Möglichkeit, SharePoint Server „14“ downzugraden und den PerformancePoint Server bei Bedarf so weiter zu betreiben.
Entscheidend ist, welche Prioritäten man setzt. Microsoft verfolgt die Vision „BI for the masses“ – und das bedeutet auch, dass wir nicht alles selbst machen, sondern eine performante und standardisierte Plattform bieten, die von Partnern auf individuelle Kundenbedürfnisse angepasst werden kann. Uns geht es um Konsolidierung und – wie oben bereits angedeutet – immer auch um den Kommunikationsaspekt von Business Intelligence. Denn was nützen die besten Auswertungen, wenn sie nicht kommunizierbar sind …
Frage: … weil jeder ein anderes Tool im Einsatz hat?
Martin Zimmermann: Exakt! In der Praxis haben wir unterschiedliche Menschen, Teams, Abteilungen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Was passiert? Weil Sie vom Unternehmen nicht das bekommen, was sie brauchen, bauen sie sich selber irgendwelche Reporting-Tools – und produzieren damit ein Chaos, das einerseits für die IT-Abteilungen kaum mehr zu administrieren aber auch andererseits für die Anwender unbefriedigend ist, weil die Betrachtungsweisen und Auswertungen, die jeder ins Meeting bringt, nicht mehr zu vergleichen sind.
Frage: Vielleicht hat man – historisch betrachtet – das Data Warehouse doch zu sehr geöffnet und kommt jetzt drauf, dass BI eben kein Selbstbedienungsladen ist.
Martin Zimmermann: Historisch ist der SQL Server etwas für die Administratoren und Entwickler im Back-Office, während SharePoint und Excel etwas für die Endanwender ist. Mit der Self-Service-Analyse, die in der nächste Version des SQL Server hinzukommen wird, werden dem Endbenutzer, der kein Datenbank-Vorwissen hat, neue Möglichkeiten geboten, um persönliche Analysen zu machen, die seine Produktivität steigern. Das ist der „Selbstbedienungsladen“, den Sie meinen, und der ist wichtig. Auf der anderen Seite muss BI aber immer auch ein „Versandhaus“ sein, das vorkonfektionierte Lösungen anbietet – mit klar definierten KPIs (Key Performance Indicators), die an den Unternehmenszielen ausgerichtet sind.
Frage: Die Gefahr ist doch die, dass jeder seine eigenen Reports zieht, man die unterschiedlichen Perspektiven im Meeting jedoch nicht vergleichen kann. Eben weil die organisatorische Einbettung fehlt.
Martin Zimmermann: Richtig. Und deshalb versuchen wir hier einen Spagat – der die Bedürfnisse des Benutzers und sein Verlangen nach größtmöglicher Flexibilität ebenso berücksichtigt, wie die Anliegen der IT-Abteilung, die im Sinne der Unternehmensziele eine Kontrollinstanz sein muss, die für die Einhaltung von Standards in bezug auf Werkzeuge, Fragestellungen und Reports sorgt. Diese Alignment-Aufgaben einer organisatorisch verankerten BI wird der neue SharePoint Server vom PerformancePoint Server übernehmen.
Frage: Wie dynamisch kann man sich das Verhältnis von Personal BI (Ad-hoc Abfragen) und Organizational BI (Template-basiert) vorstellen?
Martin Zimmermann: Sehr dynamisch. Es wird damit für den Admin möglich, auf Knopfdruck aus einer Self-Service BI eine Organizational BI zu machen und damit auf die Anforderungen der Anwender zu reagieren. Wenn er sieht, dass viele Leute im Unternehmen immer wieder die gleiche Datenbankabfrage starten, kann er daraus einen Standardreport machen und ihn über ein SharePoint-Portal zur Verfügung stellen.
Frage: Für mich schaut es so, als ob es früher Business Intelligence zwei Mal gegeben hat: Einmal am Back-End (SQL) und einmal am Front-End (SharePoint). Die Frage ist, ob sich der Server in Richtung Office oder das Office in Richtung Server bewegt hat.
Martin Zimmermann: Die Frage ist doch viel mehr, wie sich dadurch die Aufgaben des IT-Managers verändern. Weil die Annäherung zwischen Front-End und Back-End eben nicht nur auf Produktebene passiert, sondern die dynamische Interaktion zwischen Admins und Usern erlaubt. Während seine Aufgabe früher vor allem darin bestand, Datenbankserver aufzustellen und zu überwachen und Reports zu ziehen, ist er jetzt Service-Anbieter für die Fachabteilungen und muss sich um die Etablierung und Einhaltung eines Regelwerks kümmern, das mit den Unternehmensrichtlinien übereinstimmt. Dieser organisatorische Zugang und die damit verbundenen Alignment-Aufgaben führen zu einer völlig neuen Rollenbeschreibung.
Der Vorteil: In Zukunft wird es einfacher sein, einen IT-Manager vom Business-Nutzen einer Lösung zu überzeugen, weil er auch daran gemessen wird, IT nicht als Kostenstelle, sondern als Produktivmotor für das ganze Unternehmen zu begreifen.
Frage: Stichwort Kosten: Was bringen all diese Veränderung auf der Kostenseite der Unternehmen, die Ihre Lösungen einsetzen?
Martin Zimmermann: Eigentlich hilft alles, was wir bisher gesagt haben, auch dabei, die Kosten zu senken: 1) Wenn der Wildwuchs in Bezug auf Analysetools gestoppt werden kann und gleichzeitig die entscheidenden BI-Funktionen des PerformancePoint Server in die nächste Version des SharePoint Server wandern, dann spart man sich nicht nur Lizenzkosten, sondern auch Supportkosten, Schulungskosten und Verwaltungskosten. 2) Gleichzeitig bringt die verstärkte Interaktion zwischen Front-End und Back-End, dass der Mitarbeiter in der Fachabteilung produktiver ist, weil er in BI-Belangen sich nicht die ganze Logik selbst ausdenken muss, sondern auf Standards zurückgreifen kann, die von der IT-Abteilung zur Verfügung gestellt und gewartet werden. Da haben wir 3) noch gar nicht davon gesprochen, was sich das Unternehmen ersparen kann, weil durch das Alignment der früher getrennten Bereiche Entscheidungen präziser und rascher getroffen werden.
Frage: Im eingangs zitierten Interview ist von einer „pervasivenBI“ die Rede. Wie weit geht für Sie diese „Durchdringung“?
Martin Zimmermann: Dass der Umgang jedes einzelnen Mitarbeiter mit Daten zur Intelligenz des Unternehmen beiträgt. Dass es nicht mehr die BI-Brille gibt, die man sich aufsetzt, sondern BI integrativer Bestandteil von Zusammenarbeit und Kommunikation ist. Und dass die Leute im Unternehmen gar nicht mehr wissen, welche Datenquellen sie gerade anzapfen, weil ihr BI-Tool eingebettet ist in eine intuitiv zu bedienende Office-Oberfläche.
Danke für das Gespräch.