Interview
Auf dem Weg zum Können, Mögen und Wollen
Web 2.0, Vernetzung, Social Media – das Soziale erobert die Welt von IT und Internet. Der praxisorientierte Sozialwissenschaftler Wolfgang Fänderl beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem sozialen Phänomen des freiwilligen Engagements und mit den Faktoren, die soziale Vernetzung tragfähig machen. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung veröffentlichte er ein Methodenhandbuch mit dem Titel „Beteiligung übers Reden hinaus!“. Im Interview spricht er über die Motivation gegenseitiger Vernetzung, ihren Mehrwert für Menschen und Institutionen und gibt griffige Tipps zu ihrer Einschätzung und Förderung.
Executive Circle:
Alle reden vom „Networking“. Was zeichnet eigentlich das Vernetzen untereinander aus?
W. Fänderl:
Während Networking nach Arbeit klingt, spreche ich als Vernetzungsberater lieber von Netliving, da Vernetzung zum Leben ganz selbstverständlich dazugehört. Zum einen sind wir Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen, Interessen und Eigenschaften. Zum anderen übernehmen wir Rollen in Familien, Unternehmen, Vereinen et cetera. Und nicht zuletzt sind wir Teil von Gemeinschaften in der realen wie virtuellen Welt. Dieses vielschichtige, sich ständig verändernde Beziehungsgefüge zu verstehen, in Balance zu bringen und für eigene Belange zu nutzen ist nicht nur Ziel jedes Menschen, sondern auch jeder Institution und Gesellschaft. Bei der Optimierung von Vernetzungsprozessen geht es um Wertschätzung, Wertentwicklung und Wertschöpfung. Es geht um Mehrwert auf allen Vernetzungsebenen – persönlich, institutionell wie gesellschaftlich. Wir sprechen in der Wissenschaft auch vom „Triple-Win-Effekt“, wenn die Potenziale dieser Vernetzungsebenen synergetisch zusammengebracht werden. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ – meinte schon Aristoteles, und mathematisch ausgedrückt entsteht die folgende Formel:
11 + 11 + 11 < (1 + 1 + 1) 1+1+1
Executive Circle:
Wenn wir im beruflichen Kontext bleiben: Was motiviert Menschen zum Networking, und was hält sie davon ab?
W. Fänderl:
Je nach Umfeld und Entwicklungsstand haben wir persönliche Prioritäten: Existenzsicherung, Anerkennung, Weiterentwicklung, Einflussnahme, Selbstverwirklichung … Letztlich ist Zusammenarbeit ein soziales Grundbedürfnis und Arbeitsteilung im Rahmen von Organisationen und freier Marktwirtschaft ein herausragender Entwicklungsmotor der Menschheit. Je freiwilliger und lustvoller wir unsere Schaffenskraft, Fähigkeiten und Beziehungsqualitäten einbringen können, desto besser für uns und andere. Werden wir durch zu enge Aufgabenbeschreibungen, zu hohe Zielvorgaben oder unsinnige Controllingmechanismen davon abgehalten, kommt es zu Reibungsverlusten – bis hin zur inneren Kündigung und bewussten Schädigung der eigenen Organisation beziehungsweise des Marktes an sich. Bei der Zusammenarbeit von Teams oder Firmen gibt es ganz ähnliche Phänomene, die wir dann häufig als Kooperationsbereitschaft umschreiben.
Executive Circle:
Können Sie dieses Phänomen ebenfalls auf eine einfache Formel bringen?
W. Fänderl:
In einem Forschungsprojekt der Universität München zur methodischen Förderung von Beteiligung, Vernetzung und freiwilligem Engagement haben wir zur Veranschaulichung eine Formel mit den sechs deutschen Modalverben entwickelt. Wir unterscheiden dabei Hilfsverben, die von innen motiviert, selbstbestimmt und sinnorientiert sind, und stellen ihnen jene gegenüber, die von außen motiviert, fremdbestimmt und zweckorientiert sind. Eine Motivationsformel macht daraus einen Quotienten mit Können + Mögen + Wollen im Zähler und Müssen + Dürfen + Sollen im Nenner.
Sprechen wir von freiwilliger Zusammenarbeit, Kooperationsbereitschaft oder Gemeinsinn, zeigt diese „Motivationsformel“, dass das Einbringen von Fähigkeiten, Bedürfnissen und Perspektiven mehr zählt als das Einfordern von Regeln, Zugeständnissen und Vorgaben.
Executive Circle:
Sie haben sich in Ihrer Forschung intensiv mit Gemeinsinn auseinandergesetzt. Was ist Gemeinsinn, und was hat er mit der Vernetzung von Menschen zu tun?
W. Fänderl:
Zunächst ist wichtig zu wissen, dass Gemeinsinn und Eigensinn zusammengehören wie zwei Seiten einer Medaille. Egoismus und Altruismus sind psychologisch gesehen Extremformen, welche letztlich weder dem Einzelnen noch der Gemeinschaft Mehrwert verschaffen. Gemeinsinn ist in unserer global vernetzten Welt letztlich auch der ultimative Gradmesser für eine gut gelaufene Vernetzung: Wurde durch eine Kooperation mehr Schaden oder mehr Nutzen für die Gemeinschaft und ihre Zukunft erzielt?
Mehrwert bei freiwilliger Kooperation entsteht, wenn die Partner voneinander lernen können, miteinander gestalten mögen und sich füreinander einsetzen wollen. Nehmen wir das Beispiel einer Seilschaft in den Bergen: Alle Beteiligten wollen im Laufe eines Tages die Bergspitze erreichen und gesund wieder im Tal ankommen. In der Gruppe gibt es genügend Ausdauer, Know-how und Geräte, um den Weg gehen zu können. Und schließlich ist jeder bereit, sich für die anderen in der Seilschaft einzusetzen, wenn sie etwas aus eigener Kraft nicht schaffen. Der Unterschied einer gemeinsinnigen zu einer eigennützigen Seilschaft besteht darin, dass sie bereit ist, auch anderen Seilschaften zur Seite zu stehen, wenn Hilfe benötigt wird. Dadurch entsteht langfristig eine Kultur des „gegenseitigen Helfens unter Seilschaften“. Soziales Bewusstsein, soziale Kompetenzen und soziales Engagement sind bei nachhaltiger gruppenübergreifender Vernetzung Voraussetzungen beziehungsweise müssen auf dem Weg (der Vernetzung) entwickelt werden. Vernetzungsberatung kann dabei tatkräftig zur Seite stehen - so wie ein Bergführer.
Executive Circle:
Haben Sie ein Beispiel für Vernetzungsarbeit, die etwas bewegt hat?
W. Fänderl:
Paradebeispiel des Jahres 2008 ist der Wahlkampf, den Barack Obama in den USA geführt hat. Vom unbekannten Hinterbänkler ist er mit seiner authentischen Haltung, viel Ausdauer, hoher Kooperationsbereitschaft und effektiven Vernetzungsmethoden zum US-Präsidenten gewählt worden. Vieles davon war der allgemeinen Sehnsucht nach Veränderung zu verdanken, die in seinem optimistischen Schlachtruf gipfelte: „Change – yes we can“. Doch Obama ist auch ein methodisch erfahrener Community-Organizer gewesen und hat sich mit innovativen Kampagnenmanagern zusammengetan. Während seines Wahlkampfs ist er aktiv auf Menschen zugegangen, hat ihnen zugehört, Visionen geschaffen, Selbstorganisation gefördert und mit einfachen Mitteln – unter anderem auf neuen Kommunikationsplattformen – die Kräfte wieder gebündelt und damit Identifikation mit seinen politischen Positionen geschaffen. Nun muss sich sein Talent in den realen Strukturen der Regierungsarbeit bewähren, was kooperative Verhandlungsstrategien und Vernetzungsmethoden fordert, die er mit seiner Regierungsmannschaft – zum Teil ehemalige Konkurrenten – derzeit nutzt und weiterentwickelt.
Bewegende Vernetzungserfolge lassen sich aber auch im Unternehmensbereich finden, insbesondere wenn Organisationen über den Tellerrand hinausschauen und mit gleichen oder unterschiedlichen Partnern zusammenarbeiten. Crossmarketing, Netzwerkcluster oder Public-Private-Partnership-Projekte mit komplexen Herausforderungen sind Beispiele dafür, dass es mehr braucht als klassisches Projektmanagement und Faktor Zufall. Hier muss tatsächlich rechtzeitig und nachhaltig mit systemischem Blick beraten und begleitet werden.
Executive Circle:
Wie lässt sich Vernetzungs-Know-how für Projekte und Projektteams nutzen?
W. Fänderl:
Die Erkenntnisse aus unserem Forschungs- und Entwicklungsprojekt sind in ein gruppenübergreifendes Projektverfahren eingeflossen, das sich „Gemeinsinn-Werkstatt“ nennt und auch international anerkannt ist. Freiwillige Beteiligung, Vernetzung und Kooperation wurden bei diesem Verfahren konzeptionell fundiert. Spezifische Projektmanagementtools wurden in einem Onlinebaukasten zusammengestellt. Und auch für meine Arbeit als Vernetzungsberater lassen sich viele der Grundregeln und Hinweise für gesellschaftliche Zusammenarbeit, wie die Triple-Win- oder Motivationsformel, auf das interne und externe Networking übertragen. Ich unterstütze mit einem Begleitnetzwerk solche Prozesse durch Beratungen, Fortbildungen und Veröffentlichungen. Außerdem helfe ich bei Konzeption und Durchführung interaktiver Veranstaltungen. Dabei erleben Beteiligte, ganz praktisch voneinander zu lernen, miteinander zu gestalten und sich füreinander einzusetzen.
Weiterführende Informationen:
Vernetzungsberatung Wolfgang Fänderl >
Baukasten Projektverfahren Gemeinsinn-Werkstatt >