Executive Circle

Microsoft Executive Circle - Interviews & Videos

Zur Interviewübersicht

Konvergenz – der Ausweg aus der Erreichbarkeitsfalle

Fixed Mobile Convergence (FMC) bezeichnet das Zusammenwachsen von Festnetz und Mobiltelefonie. Das neue Schlagwort wird immer häufiger verwendet und war auch ein wichtiges Thema auf dem Mobile World Congress 2008 in Barcelona, der wichtigsten Messe der Mobilfunkbranche. Vielreisende Manager brauchen auf ihrer Visitenkarte nur noch eine Telefonnummer, unter der sie auch mobil immer erreichbar sind, auch wenn sie mit vielen verschiedenen Nummern von Handys und Hotels hantieren müssen. Die Firmen verwenden entweder WLAN-Handys, mit denen sich die Angestellten von jedem Hotspot an die Telefonanlage des Unternehmens anmelden und kostenlose betriebsinterne Gespräche führen können, oder GSM-Gateways, die Anrufe auf die Büronummer zur Handynummer umleiten. Philipp Bohn ist Analyst des IT-Marktforschungsunternehmens Berlecon Research und hat das Thema gerade erst mit einer neuen Studie beleuchtet.

Executive Circle: Wie kann man sich die Funktionsweise der Fixed Mobile Convergence konkret vorstellen?

Bohn: Während Mobilität früher ein Statussymbol war, ist sie heute für viele Geschäftsleute zum Alltag geworden. Durch fortschrittliche Kommunikationstechnologien können einige ihrer negativen Folgen gemildert werden. Beim Szenario ohne FMC besucht beispielsweise eine Unternehmensberaterin einen Kunden in London und kurz vor dem Termin möchte ein Kollege eine Frage mit ihr klären. Weil er sie auf der heimischen Büronummer nicht erreicht, muss er einen zweiten Anruf aufs Mobiltelefon starten. Das ist unangenehm, weil es Zeitverluste und Roaming-Kosten verursacht.

Durch die Konvergenz von festem und mobilem Netz im Rahmen einer FMC-Lösung würde diese Kommunikation reibungsloser und kostengünstiger. Es ist nur ein Kontaktversuch nötig, da die Beraterin immer über dieselbe Nummer erreichbar ist – egal, wo sie sich gerade befindet und welches Endgerät sie benutzt. Weil ihr Handy neben GSM auch über eine WLAN-Schnittstelle verfügt, meldet es sich im Londoner Büro automatisch im firmeninternen WLAN an. Da das Gespräch nicht über das öffentliche Mobilfunknetz, sondern das interne WAN geleitet wird, fallen hohe internationale Roaming-Gebühren weg.

Executive Circle: Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich durch den Einsatz von FMC-Technologien im Unternehmen?

Bohn: Durch das Ein-Nummern-Prinzip haben Mitarbeiter unabhängig von Standort und Endgerät nur eine einzige persönliche Nummer und müssen sich keine Gedanken über Weiterleitungsszenarien machen. Für den Anrufenden wird der Mitarbeiter also leichter erreichbar. Außerdem ermöglicht die FMC ein Least Cost Routing: Anrufe werden möglichst über kostenlose firmeninterne LAN- und WAN-Verbindungen geleitet und nicht über die teuren Mobilfunk- und Festnetze. Zusätzlich ermöglicht FMC vielfältige Nebenstellenfunktionen. Dem mobilen Mitarbeiter stehen unterwegs Funktionalitäten zur Verfügung, die sonst nur im Festnetz bereitgestellt werden können. Dazu gehören vor allem interne Rufweiterleitung, Kurzwahl, Makeln oder mobile Konferenzschaltungen.

Executive Circle: Wie erreicht man diesen Effekt, dass die Mitarbeiter nur noch eine Telefonnummer haben, aber damit auf Festnetz und Handy immer erreichbar sind?

Bohn: Die Telefonanlage des Unternehmens muss über eine „mobile Extension“ verfügen, damit Anrufe aus dem Festnetz ins mobile Netz und umgekehrt weitergeleitet werden können. Dies umfasst zum einen das öffentliche Mobilfunknetz als auch das zumeist firmeninterne WLAN. Deshalb müssen die Endgeräte über Schnittstellen für das öffentliche Mobilfunknetz und für WLAN verfügen. Man spricht dabei von Dual-Mode-Endgeräten.

Executive Circle: Wieso wird FMC bisher in Deutschland so wenig angewendet?

Bohn: Ein Grund sind die notwendigen Investitionen in die ITK-Infrastruktur. Das Firmengelände muss mit einem sprachfähigen WLAN ausgestattet werden, das eine sehr hohe Dienstqualität und Sicherheit bietet. Darüber hinaus benötigen die Mitarbeiter Dual-Mode-Endgeräte, die wegen ihrer technischen Ausstattung teurer sind als gängige GSM-Handys. Doch selbst wenn die Unternehmen zu solchen Investitionen bereit sind, bereiten zentrale Elemente der FMC immer noch Kopfzerbrechen: angefangen vom Client auf dem Dual-Mode-Handy, über den hohen Energieverbrauch der Geräte im WLAN-Betrieb bis hin zu den Steuerungseinheiten der IP-basierten Nebenstellenanlagen.

Probleme gibt es noch beim unterbrechungsfreien Roaming zwischen öffentlichem Mobilfunknetz und firmeninternem WLAN. Um vom Markt angenommen zu werden, darf es bei der Übergabe eines Telefonats zwischen den beiden Netzen nur zu minimalen Verzögerungen kommen. Außerdem möchten die Anwender nicht nur über das firmeneigene WLAN erreichbar sein, sondern auch über ein Hotel-WLAN oder andere Hotspots. Weil viele Lösungen das noch nicht leisten, kann von einem Durchbruch der FMC in deutschen Unternehmen vorläufig noch keine Rede sein. Neben langfristigen Kostensenkungen sind jedoch Effizienzgewinne für Geschäftsprozesse durch verbesserte Erreichbarkeit und optimierte Kommunikation möglich. Langfristig dürften viele Unternehmen nicht um die Konsolidierung ihrer festen und mobilen Telefonie herumkommen.

Executive Circle: Was sagen eigentlich die Mobilfunkunternehmen dazu? Ihnen gehen ja Einnahmen verloren, wenn immer mehr über WLAN oder UMTS-Datenverbindungen telefonieren.

Bohn: Vor allem zwischen Mobilfunkbetreibern und Hardware-Anbietern gibt es Interessenskonflikte. Das Geschäftsmodell der Mobilfunkbetreiber beruht vor allem auf Einnahmen durch Gesprächsminuten und Roaming-Gebühren. Durch die Nutzung von WLANs und UMTS-Flatrates zum Telefonieren würden diese Einnahmen erheblich reduziert. Deswegen blockieren einige Betreiber den Austausch von IP-Datenpaketen für mobiles Voice over IP in ihren Mobilfunknetzen. Gleichzeitig senken die Mobilfunknetzbetreiber zunehmend ihre Gebühren und bieten durch Voice-Flatrates in gut ausgebauten europäischen Netzen eine preisliche Alternative zur FMC.

Die nächsten Generationen des Mobilfunks werden aber komplett auf dem Internet-Protokoll basieren. Dann wird Sprache nur noch als Voice-over-IP übertragen. Es gibt nur noch eine Nummer, die nicht mehr einem bestimmten Endgerät zugeordnet ist, sondern einem Mitarbeiter. Je nach dem, wo sich der Mitarbeiter gerade aufhält und welches Endgerät er nutzt, wird sein Anruf dorthin geleitet. Diese Weiterleitung kann auch entsprechend seiner Präsenzanzeige im Instant Messaging Client erfolgen. Die IP-basierten Kommunikationssysteme werden immer weiter integriert.

Microsoft Dialog

Christopher Anton

Executive Engagement Program, Microsoft Enterprise Marketing

Kontaktieren Sie mich