Cloud Computing: ungeahntes Potenzial für Innovationen

Nach einer kürzlich weltweit durchgeführten Umfrage des Beratungs- und IT-Dienstleistungsunternehmens Capgemini nutzen bereits 81 Prozent der Unternehmen Cloud-Technologien. Auf der anderen Seite äußern rund 40 Prozent der Befragten noch immer Sicherheitsbedenken. Die Leiterin des Fachgebietes Softwaretechnik an der TU-Darmstadt, Prof. Mira Mezini, erklärt in einem Gespräch, welche Rolle Cloud Computing zukünftig spielen wird. Die Informatikerin gehört zur Forscher-Elite ihres Fachs.

Vom European Research Council (ERC) wurden Sie Ende November mit der höchstdotierten Forschungsförderung ausgezeichnet. Mit den Fördermitteln wollen Sie die Software-Programmierung fit für die Cloud machen. Welche Herausforderungen stellt die immer mehr in den Mittelpunkt rückende Technologie? Sind die sich ergebenden Aufgaben lösbar?

Die Herausforderungen sind vielseitig. Ich gehe hier und in meinem ERC-Grant-Projektvorschlag hauptsächlich auf die Herausforderungen für die Anwendungsentwicklung auf Basis dieser Technologie ein. Die Technologie führt dazu, dass die Rechnerinfrastruktur, die Software und die Daten ins Internet wandern – also in die Cloud. Sie stellt den Softwareanwendungen „unbegrenzte“ Rechenressourcen und gleichzeitig den Zugriff auf „unendliche“ Mengen von Daten und Informationen in Aussicht. Ebenso ermöglicht sie die Vision von gehosteten Softwarediensten, die von mehreren Nutzern gleichzeitig verwendet und mit anderen standortgebundenen oder gehosteten Softwarediensten komponiert werden können.

Damit eröffnet die Cloud ein ungeahntes Potenzial für Innovationen, welches aber meines Erachtens nur dann dauerhaft ausgeschöpft werden kann, wenn die Softwareentwicklungstechnologie und speziell die Softwareprogrammierung der neuen Realität entsprechend angepasst werden. Die heutigen Programmiertechnologien sind nicht für die Verarbeitung von großen und heterogenen Mengen von Daten und Ereignissen ausgerüstet, was zu einer schwer zu beherrschenden Komplexität der Entwicklung und insbesondere der Wartung der Softwaresysteme führen wird. Ebenso unterstützen jetzige Programmiertechnologien unzureichend die groß angelegte Komposition und Erweiterbarkeit von Software, was aber unabdingbar für die Vision der Cloud-basierten Softwaredienste ist. Vermutlich werden sich meines Erachtens hybride Modelle durchsetzen, bei denen Cloud-basierte Softwaregeschäftsdienste an spezifische Anforderungen von einzelnen Unternehmen angepasst werden können und mit standortgebundenen Softwarediensten komponiert werden. Diese Vision verlangt nach Unterstützung für groß angelegte Softwareerweiterbarkeit und -komposition.

Laut der Capgemini-Studie nutzen bereits 81 % der Unternehmen Cloud-Technologien. Welche Zukunft sagen Sie Cloud Computing voraus?

Meiner Meinung nach ist die Cloud aus unserer Realität nicht mehr wegzudenken. Die Capgemini-Studie, die Sie zitieren, deutet ja eindrucksvoll darauf hin. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch andere Studien von Marktanalyseunternehmen wie z.B. IDC oder PWC. Endnutzer- und Geschäftssoftware wird immer mehr in die Cloud wandern und dort kostengünstiger und professioneller verwaltet, migriert, angepasst, weiterentwickelt werden als dies von einzelnen Nutzern und Unternehmen heute realisiert werden kann. Neue Geschäftssoftware, die in der Lage ist, elastisch und mit dem Markt zu skalieren, wird entwickelt werden. Es werden immer mehr Anwendungen entwickelt und genutzt werden, welche auf die Analyse von großen Datenmengen setzen und enormen wirtschaftliche Nutzen mit sich bringen, weil sie helfen werden, Prozesse zu automatisieren. Um ein Beispiel aus meinem direkten Betätigungsfeld zu geben: wir entwickeln an meinem Lehrstuhl Technologien, welche das Potenzial haben, die Softwareentwicklung zu revolutionieren, indem sie Teile des Softwareentwicklungsprozesseses mit Hilfe von intelligenter Wissensextraktion aus großen Mengen von in der Cloud verfügbaren Informationen und durch die Nutzung von Cloud-Rechenressourcen automatisieren. In diesem Sinne glaube ich, dass die Technologie die Softwareentwicklung positiv beeinflussen wird, vorausgesetzt, wir bekommen die technischen Herausforderungen, die damit verbunden sind , in den Griff und entwickeln vernünftige wirtschaftliche Verwertungsmodelle.

„Endnutzer- und Geschäftssoftware wird immer mehr in die Cloud wandern und dort kostengünstiger und professioneller verwaltet, migriert, angepasst, weiterentwickelt werden als dies von einzelnen Nutzern und Unternehmen heute realisiert werden kann.“

Wie beeinflusst die Cloud unser Leben und unsere Arbeit?

Cloud Computing wird die Nutzung von Rechnern, Software und Daten in ähnlicher Weise verändern, wie das Internet die Kommunikation zwischen Rechnern und zwischen Menschen verändert hat. In Verbindung mit mobilen Geräten wie Smartphones und Tablet-Computern für den zeit- und ortsungebundenen Zugriff auf die Cloud verändern sich unsere Arbeitswelt und unser Zusammenleben auf globaler Ebene. Insbesondere Menschen in den Entwicklungsländern könnten davon profitieren, da sie Zugang zu Geschäftsprozessen und Dienstleistungen bekommen, die ihnen bisher nicht vergönnt waren. Wenn man die Cloud als kollektives Gedächtnis der digitalen Gesellschaft betrachtet, dann ergeben sich daraus weitreichende Veränderungen in vielen Gesellschaftsbereichen - im positiven und im negativen Sinne.

Sicherheitsbedenken werden häufig im Zusammenhang mit der Cloud-Technologie diskutiert. Wie stehen Sie zum Thema Datensicherheit und Cloud Computing? Ist das Argument so überzeugend, dass auf Cloud Computing verzichtet werden sollte?

Nein, für mich ist das Argument nicht überzeugend. Datensicherheit ist in der Tat eine große Herausforderung unseres Zeitalters, aber sie ist es auch ohne Cloud Computing. Wir haben in der letzten Zeit einige Fälle erlebt, bei denen Daten von „normalen“ Firmenservern „entwendet“ wurden. Natürlich müssen die Konzepte, Methoden und Verfahren für die Datensicherheit angemessen und systematisch den neuen Realitäten des Cloud-Computing-Paradigmas angepasst bzw. dafür signifikant überdacht werden. Ich sehe aber nicht, warum es uns nicht gelingen sollte, adäquate Methoden der Datensicherheit für die Cloud zu entwickeln bzw. anzupassen. Das passiert ja heute schon intensiv im industriellen und akademischen Umfeld - in unseren beiden Zentren für IT-Sicherheit am Fachbereich Informatik der TU Darmstadt - CASED (Loewe Center for Advanced Security Darmstadt, gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst) und EC-SPRIDE (European Center for Security and Privacy by Design, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung) - arbeiten wir mit Hochdruck daran. Vielmehr bietet die Cloud meines Erachtens auch Chancen, Datensicherheit zu professionalisieren, indem sie in die Hände von Experten und zertifizierten Cloud-Anbietern gelegt wird.

Die EU hat einen Rat (ECP) ins Leben gerufen, der u.a. den Umzug staatlicher Dienste in die Cloud fördern soll. Was kann die Politik tun, damit das Potenzial von Cloud Computing voll ausgeschöpft werden kann und was erwarten Sie von der ECP?

Die Politik kann eine Schlüsselrolle bei einer erfolgreichen Umsetzung des neuen Cloud Computing Paradigmas spielen, zum Beispiel durch die frühzeitige Schaffung von einheitlichen Rahmenbedingungen, um Wettbewerb in dem Cloud-Markt zu fördern, aber auch durch die Etablierung von Zertifizierungsprogrammen für Datensicherheit und Compliance. Das ist ja auch das deklarierte Ziel des ECP (European Cloud Partnership), einer relativ jungen Initiative der EU vom November 2012. Auch der systematische und gut überdachte Umzug staatlicher Dienste in die Cloud ist etwas, was die Politik steuern kann, was meines Erachtens zu einer „win-win“ Situation für Regierungsorganisationen und den Cloud-Markt führen würde.

„Vielmehr bietet die Cloud meines Erachtens auch Chancen, Datensicherheit zu professionalisieren, indem sie in die Hände von Experten und zertifizierten Cloud-Anbietern gelegt wird.“

Welchen Einfluss hat Cloud Computing auf die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes wie Deutschland?

Cloud Computing hat das Potenzial, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands signifikant zu verbessern. Daran glauben auch laut einer Studie von Informatica vom Juni 2011 93% der Unternehmen in Deutschland. Zum einen verstärkt die Technologie die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, da sie nun Geschäftssoftware als Cloud-Dienste in Anspruch nehmen können. Dadurch haben sie schnelleren und kosteneffektiveren Zugriff auf solche Software und werden in die Lage versetzt, effektiv und kostengünstig mit Veränderungen und Innovationen in der IT-Branche Schritt zu halten, neue Chancen wirtschaftlich zu nutzen, ohne dass IT ein Stolperstein für ihr Wachstum wird. Zum anderen birgt Cloud Computing auch ein großes Innovationspotenzial, direkt oder indirekt neue Märkte zu erzeugen – durch die Fähigkeit, große Mengen von verfügbaren Informationen verarbeiten zu können, werden neuartige Dienste realisiert und vermarktet werden können, welche neue wirtschaftliche Eco-Systeme entstehen lassen.

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