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Sprachförderung als fester Bestandteil der Lehrerausbildung

Sprachförderung als fester Bestandteil der Lehrerausbildung

Artikel vom 06.03.2014

Ob im täglichen Miteinander, in der Kita, in der Schule oder im späteren Berufsleben: Das Sprachvermögen spielt eine entscheidende Rolle für die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Pädagogen und Lehrkräfte nehmen bei der Vermittlung von Sprachkompetenzen eine entscheidende Schlüsselrolle ein. Keine leichte Aufgabe, denn Lehrerinnen und Lehrer müssen mit den unterschiedlichen Herkunftssprachen, kulturellen und sozialen Hintergründen der Schüler umgehen und sie in ihrer sprachlichen Entwicklung bestmöglich fördern. Doch nur knapp die Hälfte aller angehenden Lehrer wird während der Ausbildung auf Sprachbildung vorbereitet. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln. Barbara Baumann, Autorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut, erläutert in einem Interview die Hintergründe und Handlungsempfehlungen.

Sprache gilt als Schlüssel zur Welt. Warum ist es zunehmend Aufgabe der Lehrer, diese an die Schüler zu vermitteln?

Im Klassenraum von heute haben knapp ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen einen Migrationshintergrund. In städtischen Ballungsgebieten liegt der Anteil sogar bis zu 65 Prozent. Lehrer müssen sich auf diese Gegebenheiten einstellen und die Sprachfähigkeit entsprechend fördern. Doch auch Kinder und Jugendliche, die Deutsch als ihre Muttersprache sprechen, benötigen Unterstützung. Laut PISA 2012 bringen 14,5 Prozent der Schüler keine ausreichenden Lesekompetenzen mit, um dem Unterricht erfolgreich folgen zu können. Das betrifft sowohl Kinder aus ausländischen Familien als auch deutschsprachige Kinder und Jugendliche, die zu wenig sprachliche Anregung von zuhause bekommen.

Aus der Studie geht hervor, dass weniger als jeder zweite angehende Lehrer während seiner Ausbildung auf Sprachförderung vorbereitet wird. Welche Auswirkungen kann dies auf die Schüler haben?

Eine im Jahr 2012 durchgeführte Umfrage des Mercator-Instituts hat bereits ergeben, dass sich ein Großteil der Lehrer im Hinblick auf Sprachförderung nicht ausreichend auf den Schulalltag vorbereitet fühlt. Für die Schüler bedeutet dies, dass sie im tragischsten Fall schlechte Schulleistungen erbringen. Das liegt nicht unbedingt daran, dass sie den inhaltlichen Anforderungen nicht gewachsen sind, sondern sie scheitern oftmals an den sprachlichen Barrieren. Das gilt auch für Fächer wie Mathematik, Geschichte oder Chemie.

Die Schüler können also dem Lehrer nicht folgen, weil sie die Aufgaben nicht verstehen?

Ganz genau. Wenn ein Schüler im Mathematikunterricht eine Textaufgabe nicht entschlüsseln kann, heißt es nicht, dass er die Grundrechenarten nicht beherrscht. Es geht darum, mathematische Inhalte, die sprachlich verpackt sind, entschlüsseln zu können. Dazu braucht man spezifische Kompetenzen, die erst einmal nichts mit Plus und Minus zu tun haben.

Das heißt, die notwendige Sprachförderung bezieht sich auf alle Fächer?

Ja. Und sie zieht sich auch durch alle Schularten. Der Glaube, dass das ganze Problem nach der Grundschulzeit gelöst ist, ist falsch. Lerninhalte werden während der gesamten Schulzeit bis in die Berufsschule oder ins Gymnasium hinein über Sprache vermittelt. Als Schüler bin ich gefragt, mein Wissen und meine Kompetenzen über Sprache zu äußern. Das bedeutet, man benötigt das entsprechende Werkzeug, um Sprache entschlüsseln zu können. Aber auch, um sich mit einem differenzierten Wortschatz und komplexen Strukturen sprachlich ausdrücken und verständlich zu machen. Wenn man sich vor dem Klassenzimmer mit den Schülern darüber unterhält, was sie am Wochenende unternommen haben, fällt es nicht zwangsläufig auf, dass sie Defizite in der Bildungssprache haben. Ihre umgangssprachlichen Fähigkeiten können gut ausgeprägt sein.

Mit der Bildungsinitiative „Schlaumäuse – Kinder entdecken Sprache“ fördert Microsoft mit einer kostenlosen Lernsoftware die Sprachkompetenz von Kita- und Grundschulkindern. Ist eine Sprachförderung im frühen Kindesalter sinnvoll?

Auf jeden Fall! In der Kita geht es noch nicht darum, sogenannte bildungssprachliche Kompetenzen aufzubauen. Aber hier können wichtige Vorläuferfähigkeiten entwickelt werden. Eine anregende Umgebung zu schaffen, in der Kinder an Schrift und an Texte herangeführt werden und vielfältige Gesprächsgelegenheiten erhalten, ist ganz wichtig in diesem Lebensalter. Das legt den Grundstein für den Eintritt in die Grundschule und schafft außerdem gleiche Ausgangsbedingungen für die Schüler.

Dann haben somit nicht nur die Lehrkräfte eine Schlüsselposition in der Vermittlung von Sprache, sondern bereits die Erzieherinnen in der Kita?

Natürlich kann der Kindergarten nicht alles reparieren oder vorbeugen. Wir brauchen selbstverständlich auch die anderen Bildungsstufen, die ihren Beitrag zur sprachlichen Bildung leisten. Auf keinen Fall ist Sprachbildung ein Thema, das erst die Grundschule betrifft. Aus diesem Grund sollte die Sprachförderung so früh wie möglich beginnen.

Welches sind die wichtigsten Handlungsempfehlungen, die sich aus der aktuellen Studie ergeben?

Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache müssen als Studienelemente in den Landes- und Hochschulregelungen klar festgelegt sein. Bisher ist nur in Nordrhein-Westfalen ein verpflichtendes Modul für alle Lehramtsstudierenden gesetzlich vorgeschrieben. Darüber hinaus gibt es in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen eindeutige gesetzliche Regelungen. Die Praxis an den Hochschulen sieht deutschlandweit zum Glück besser aus, als es die Landesvorgaben vermuten lassen. Wir machen uns für die Entwicklung und Einführung eines Grundlagenmoduls stark, das alle Lehrer aller Fächer und Schulformen in ihrer Ausbildung zum Thema Sprachförderung absolvieren müssen. Darüber hinaus sollten für alle Lehramtsstudenten die Rahmenbedingungen geschaffen werden, sich freiwillig vertiefend zu qualifizieren.