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Digitale Aufklärung: Warum uns das Internet klüger macht

Sind wir von der Digitalisierung überfordert? Führt das digitale Zeitalter zur Erschöpfung, gar zur „digitalen Demenz“? Der heutige Diskurs über die Zukunft des Internet wird immer mehr von kulturpessimistischen Beiträgen bestimmt, die den zunehmenden Verlust des selbständigen Denkens beklagen. Der Internet-Experte Tim Cole hält dagegen: Er ist davon überzeugt, dass wir durch das Internet klüger werden und unser Leben mit Hilfe der neuen Technologien sinnvoll gestalten können. In seinem Buch erklärt er, wie jeder die digitale Vernetzung für sich nutzen kann, z.B. für Unternehmensgründungen, für soziale Projekte oder die politische Mobilisierung – und zeigt uns damit einen Weg in die digitale Zukunft auf. Tim Cole ist einer der führenden Publizisten zu Themen der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft. Er ist sowohl als Redner wie auch als Unternehmensberater und Coach für Führungskräfte gefragt. Als Moderator der Fernsehsendung „eTalk“ bei n-tv und N24 wurde er einem breiteren Publikum bekannt.

Wann: Dienstag,
13. Mai 2014
ab 18 Uhr Einlass
um 18.30 Uhr
Wo:Microsoft Berlin
Unter den Linden 17
10117 Berlin
Eingang Charlottenstr.

In Kooperation mit

Digitale Aufklärung: Warum uns das Internet klüger macht    Digitale Aufklärung: Warum uns das Internet klüger macht

Tim Cole Tim Cole
Autor des Buches „Digitale Aufklärung: Warum uns das Internet klüger macht“

Sven Oswald Sven Oswald
Moderation


Foto: Jim Rakete


Interview mit Tim Cole, Autor von „Digitale Aufklärung“

Das Internet ist ein Gewinn für die Menschheit, behauptet Tim Cole in seinem Buch „Digitale Aufklärung. Warum uns das Internet klüger macht“. Nach der Lesung bei Microsoft Berlin erläuterte der Autor seine Thesen.

Digitalisierte Welt – ein Fluch oder Fortschritt für die Gesellschaft?

Ist die zunehmende Digitalisierung ein Fluch oder ein Fortschritt für die Gesellschaft? Eine Frage, die die Geister spaltet und immer wieder zu kontroversen Diskussionen führt. Während die einen behaupten, der Umgang mit neuen Medien führe zu Überforderung und Vereinsamung, vertritt Internet-Experte Tim Cole in seinem Buch „Digitale Aufklärung. Warum uns das Internet klüger macht“ eine ganz andere Position. Am 13. Mai war der Autor bei Microsoft Berlin zu Gast und stellte dort in einer Lesung seine positive Sicht auf die Auswirkungen und Entwicklungen des Internets vor.

Warum er das Buch gemeinsam mit Autor und TV-Regisseur Ossi Urchs geschrieben hat, und aus welchen Gründen die Menschheit durch die Digitalisierung nur gewinnen kann, erklärte Tim Cole in einem Interview.

Es gibt zahlreiche Bücher, die ein düsteres Bild der Digitalisierung aufzeigen. Sie sehen den Umgang mit modernen Medien ganz anders. Warum?

Es ging uns auf die Nerven, dass das Internet daran schuld sein soll, dass die Menschen angeblich verdummen und dass sie überfordert sind. Wir wollten deshalb ein positives Buch schreiben und zeigen, wie sich die Menschheit unter dem Einfluss der digitalen Vernetzung zum Positiven verändert. Kulturpessimisten, die außenstehen und Kritik üben, weil sie nicht verstehen, was wirklich abgeht, wird es immer geben. Schon Sokrates war gegen die Einführung der Schrift, weil er glaubte, dass die Menschen dann nicht mehr auswendig lernen können.

Wie beurteilen Sie die fortschreitende Digitalisierung?

Wir sehen in dem was passiert, einen notwendigen evolutorischen Anpassungsprozess des Menschen und der Menschheit als Gesamtheit an eine sich verändernde Kommunikationsumgebung. Das ist nichts Neues. Hunderttausende von Jahren gibt es homo sapiens. In diesen hunderttausenden von Jahren haben sich immer wieder die Verhältnisse verändert, die Kommunikationsgewohnheiten, die Sprachen, die Mittel, mit denen kommuniziert wurde, und immer hat es die Menschheit sehr gut verstanden, sich dieser neuen Entwicklung anzupassen. Das, was jetzt vielleicht neu ist, ist die Geschwindigkeit der Anpassung. Die digitale Vernetzung führt nicht nur unweigerlich zu Veränderung, sie führt auch zu Beschleunigung. Bestimmte Prozesse werden damit schneller.

Überfordert diese Beschleunigung die Menschen?

Es gibt Kritiker, die an dieser Stelle sagen, dass ihr Kopf einfach nicht mehr mitkommt. Das tut mir furchtbar leid und wahrscheinlich stimmt das auch, aber sie können nicht von sich auf andere schließen und glauben, dass dies ein kollektives Erlebnis der Menschheit ist. Die jungen Menschen, die heute in diese neue, digitalisierte Welt hinein geboren und dort sozialisiert werden, kommen wunderbar mit, weil sie dabei sind, sich Fähigkeiten anzueignen, die Ältere von uns vielleicht nicht in diesem Maße besitzen.

Welche neuen Fähigkeiten sind dies?

Der Mensch ist zunehmend Teil eines Netzwerks und darauf muss er sich einstellen. Die Fähigkeit, viele Dinge gleichzeitig zu tun, wird immer wichtiger. Unsere Kids zeigen bereits, wie man das kann. Beim Schulaufgaben machen läuft gleichzeitig Fernseher, sie chatten mit den Freunden im Internet und vielleicht läuft noch das Radio. Und wir Erwachsenen stehen fassungslos daneben und fragen uns, wie sich die Kinder dabei konzentrieren können.

Allerdings. Wie soll das gehen?

Es ist richtig, dass das Kind sich nicht mehr komplett vollständig auf eine einzelne Aufgabe konzentrieren kann. Aber die Frage ist, muss es das können oder ist es in einer vernetzten Welt nicht viel wichtiger, dass ein Mensch in der Lage ist, gleichzeitig verschiedene Dinge zu tun und auf verschiedene Reize zu reagieren? Wir leben in einer Welt, in der ständig Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungsangebote auf uns einprasseln. Die Fähigkeit sich zurechtzufinden, zu navigieren und sich zu entscheiden, welche von diesen Impulsen und Angeboten man annimmt oder ablehnt, ist wahrscheinlich viel überlebenswichtiger, als die Fähigkeit, sich hinzusetzen und Goethe auswendig zu lernen.

Sie vertreten die Auffassung, dass uns das Internet klüger macht. In welchen Bereichen?

Klug würde ich behaupten, ist vor allem derjenige, der gelernt hat, für sich selbst zu denken. Das ist eine zentrale Forderung, die wir in unserem Buch aufstellen, und das ist der Grund, warum wir das Buch auch digitale Aufklärung genannt haben. Immanuel Kant, der große Vater der bürgerlichen Aufklärung des 18. Jahrhunderts, hat bereits damals den Menschen geraten, das Neue zu denken.

Was passiert mit den Menschen, die sich der digitalen Entwicklung verschließen?

Diese Menschen schotten sich ab und werden zunehmend ausgegrenzt. Sie werden nicht bestraft oder verfolgt. Sie sind einfach nicht relevant. Irrelevanz ist wahrscheinlich die größte Strafe, die im Zeitalter des Internets, der permanenten Kommunikation, überhaupt möglich ist. Das sind arme Leute, die verharren im Alten, im Analogen. Ein furchtbarer Gedanke.

In Ihrem Buch prophezeien Sie, dass sich Informationen nicht mehr geheim halten lassen?

Wir müssen zunehmend davon ausgehen, dass wir in einer Welt der totalen Transparenz leben werden. Für viele Menschen ist dies ein sehr erschreckender Gedanke. Für mich nicht. Dafür gibt es ein schönes Beispiel: Als ich mit meiner Frau nach München zog, sind wir an die Isar baden gegangen. Da waren wir die einzigen, die Badekleidung trugen. Das war eigentlich peinlich. Daraufhin haben wir uns am nächsten Tag dort gleich ausgezogen und uns nichts mehr dabei gedacht. Am dritten Tag haben wir gar kein Badezeug mehr dabei gehabt. Am vierten Tag hat es uns schon gar nicht mehr gestört, dass die japanischen Touristen oben auf der Brücke standen und Fotos von uns gemacht haben. Transparenz ist etwas, an das man sich gewöhnen kann. Es ist vielleicht am Anfang ungewohnt und unbequem, aber es ist nicht das Ende der Welt. Transparenz ist der Urzustand der Menschheit.

Was meinen Sie damit?

Früher haben die Menschen in Dörfern oder Stammesgemeinschaften gelebt. Wie jeder weiß, gibt es im Dorf keine Geheimnisse. Ich weiß, wovon ich rede, ich lebe inzwischen in Österreich auf dem Land. Wenn ich von irgendjemand etwas wissen will, dann gehe ich zu meiner Nachbarin. Die weiß alles. Aber im Dorf gibt es auch eine Art Diskretion. Es ist zwar alles bekannt, aber bestimmte Dinge behält man für sich. Eine Vorstellung, die auch für das Miteinander im Internet wünschenswert wäre.

Damit dies möglich ist, bedarf es klarer Verhaltensregeln und einer Aufklärung. Sollte diese bereits in der Schule erfolgen?

Ich habe Probleme mit der Vorstellung, dass die Schule hier noch eine besondere Rolle spielen könnte. Die Lehrer sind das Problem, die noch tief im analogen Zeitalter drinstecken. Sie können ihren Kids nichts darüber beibringen. Im Gegenteil. Die jungen Leute können den Lehrern häufig sehr viel beibringen. Wie man sich in der digital vernetzten Welt verhält. Was man tut, und was man lieber bleiben lässt.

Das heißt, junge Menschen finden sich selbst in der digitalen Welt zurecht?

Ich finde, die Jugend macht das sehr gut. Ich habe selber eine Tochter, die in der digitalen Welt aufgewachsen und sozialisiert worden ist. Diese Menschen ticken einfach anders. Als leidenschaftlicher Bücherleser kann ich mir eine Welt ohne Bücher überhaupt nicht vorstellen. Meine Tochter liest keine Zeile. Sie ist komplett über visuelle Medien sozialisiert und schreibt sehr viel. Allerdings keine E-Mails, weil sie diese für rückständig und altmodisch hält. Sie macht Kommunikation über Facebook - inklusive Trennung von ihrem Freund. Willkommen in der neuen Welt!

Interview mit Tim Cole, Autor von Digitale Aufklärung