Die Cloud und die neue Rolle des CIO

Dachte man anfangs vielleicht noch an einen Hype, der vorübergeht, so belehren die neuesten Ausblicke der Analysten für 2011 und die Jahre danach eines Besseren. Ganz oben steht die Cloud – darin sind sich ausnahmsweise alle einig.

So werden laut aktueller Studie der Experton Group die Cloud-Ausgaben in Deutschland bis 2015 auf 8 Milliarden Euro anwachsen und Rüdiger Spiess von IDC betont, dass sich „kein IT-Hersteller leisten können wird, im Jahr 2011 auf eine Cloud-Strategie mit konkreten Cloud-Offerten zu verzichten“. Laut Gartners jährlicher Umfrage – unter mehr als 2000 CIOs weltweit in über 50 Ländern – wird in nur 4 Jahren der Prozentsatz der CIOs, die ihre IT mehrheitlich in der Cloud betreiben, von 3% auf unglaubliche 43% anwachsen. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht mehr, dass Wirtschaftsprognostiker der Universität Mailand davon ausgehen, dass durch den neuen Cloud-Motor in Europa in den nächsten 5 Jahren bis zu 1,5 Millionen neue Jobs entstehen werden.

Wie um zu unterstreichen, dass es sich bei der Cloud nicht nur um eine technologische Revolution handelt, trägt die Gartner CIO-Agenda den Vortitel: Reimagine IT. Denn unterm Strich geht es um die große Befreiung aus der Infrastrukturmühle, in der IT lange Zeit gefangen war. In der Sachzwänge den IT-Alltag bestimmen und die Spezialisten nichts anderes waren als Trouble-Shooter und technische Betreuer von Computersystemen, die nur mit Mühe Up-to-Date und verfügbar gehalten wurden. Weil für Strategie, Innovation und Business-Entwicklung keine Zeit blieb, blieb IT lange Zeit ein Kellerkind.

Informationstechnologie wird zur Business-Technologie

Wer bereit ist, „IT als Service“ (IaaS, PaaS, SaaS) konsequent weiterzudenken, hat verstanden, worum es in der Cloud geht: die Business-Anforderungen der Kunden/Anwender individuell und sehr elastisch zu adressieren, indem man Software, Infrastrukturen und ganze Plattformen in modularen, höchst individuellen Bausteinen anbietet und diese je nach Nutzung abrechnet. Modulare Leistungskataloge und flexible Kostenmodelle bilden in der Tat das Rückgrat eines vernünftigen Cloud-Angebots.

In seinem Kommentar zu dieser Agenda erklärt Gartner Analyst Mark P. McDonald ihre enorme Anziehungskraft der Cloud: „Die Zeit ist gekommen, die IT neu zu erfinden, weil CIOs heute ihre Anwendungen und Infrastrukturen über Internet-basierte Services beziehen können und sich nicht mehr länger durch geringe Budgets, hohe Infrastrukturausgaben und belastende Legacy-Anwendungen, die CIOs und IT über Jahre hinweg in ihrer Entfaltung hemmten, knebeln lassen.“


Ein entscheidender Vorteil der Cloud: die effiziente Nutzung der IT-Kapazitäten

Die IT neu erfinden – das bedeutet auch, dass man aufhört neue Antworten auf alte Fragen zu suchen und den Mut hat, neue Fragen zu stellen; dass man auf die erforderlichen Ressourcen blickt und sich fragt: „Was wäre wenn?“

  • Was wäre möglich, wenn IT-Systeme nicht mehr nach der Maximalbelastung ausgelegt werden müssten, sondern flexibel dem Bedarf angepasst werden?
  • Was wäre möglich, wenn aus Liquiditäts-belastenden Investitionskosten operative Kosten werden, weil man nur für das zahlen müsste, was man tatsächlich benötigt?
  • Was wäre möglich, wenn man neue Lösungen entwickeln und ihre problemlose Skalierung ganz einfach voraussetzen könnte?
  • Was wäre möglich, wenn bei Firmenerweiterungen die IT so agil wäre, dass ganze Bereiche quasi über Nacht mit der Infrastruktur versorgt werden könnten, die sie für ihre Arbeit brauchen.
  • Was wäre möglich, wenn nicht 80% des IT-Budgets und der Arbeitszeit in Infrastrukturroutinen versickern würde und man sich auf die damit auf die Kernkompetenzen und damit auf Wachstums-, Produktivitäts- und Strategieeffekte konzentrieren könnte, die von der Unternehmensspitze seit langem eingefordert werden?

Die Aufgaben des CIO von morgen

Durch die Cloud verändert sich die Rolle des CIO grundlegend. War er früher vor allem der Architekt des IT-Gebäudes, so ist er heute auch Makler, der dafür Sorge trägt, für seine Kunden/Anwender die Wohnung zu finden, die zu ihnen passt. Darin zeigt sich ein neues Rollenverständnis, das nicht von der Technologie ausgeht, sondern von den Bedürfnissen einer neuen Generation selbstbewusster und technik-affiner Anwender, die nur dann auf Business-Anforderungen schnell reagieren können, wenn sie auch eine gewisse Kontrolle über die haben über die Technologie, die sie einsetzen. Stichwort: Consumerization of IT.

Gartner-Österreich-Geschäftsführer Manfred Troger zeichnet in einem Format-Interview die neue Rolle des CIO, wenn es um die Implementierung von Cloud-Services geht: „Er muss einerseits die Anforderungen der Anwender erfüllen und die Unternehmensziele unterstützen und andererseits die meist vielen externen Partner steuern. Dazu werden substanziell neue Fähigkeiten benötigt, die in einer klassischen Technikerausbildung nicht vorgesehen sind – zum Beispiel effektive Kommunikation, das Verhandeln flexibler Verträge.“

Natürlich wird in Zukunft auch von Technologien die Rede sein. Viel wichtiger aber wird es sein, wie CIOs die Aufgaben der IT-Abteilung und damit ihre Rolle neu definieren. Es reicht heute nicht mehr, die besten Technologen an Board zu haben. Das zeigt auch eine ICD-Studie zum Status des CIO, nach der bereits 66% der IT-Verantwortlichen in großangelegten Change- oder Strategieprozessen engagiert sind.

Erfolgreich wird der CIO nur sein,

  • wenn er in der Lage ist, zwischen strategischen und nicht-strategischen Aufgaben zu unterscheiden. So sind Rechenzentren oder Mailsysteme in den meisten Fällen kein strategisches Asset. Sie sind wichtig, können kritisch sein, gehören aber nicht zum Kerngeschäft.
  • wenn er seine Business-Rolle ernst nimmt und die Herausforderungen von Marketing und Sales versteht. In dem Moment, in dem der CIO die IT nicht mehr als Technologie-Spezialfall, sondern als Business-Einheit wahrnimmt – neben Marketing, Sales oder der Produktentwicklung – wird die Rede vom IT-Business-Alignment überflüssig
  • wenn es ihm gelingt, aus dem IT-Team ein Business-Team zu formen, das in der Lage ist, strategisch nachhaltige Business-Roadmaps zu entwickeln die mit den langfristigen technologischen Roadmaps zusammengehen.
  • wenn er es versteht, einen modularen Katalog an Services zu entwickeln, die der Endanwender auswählen kann, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wo diese Services liegen und wie er diese bezieht. Darüber auf Basis von rollenbasierten Zuordnungen (Identitätsmanagement) zu entscheiden – und dabei unterschiedliche Faktoren wie Kosten, Time-to-Market, Datensicherheit, etc. gegeneinander abzuwiegen – ist die verantwortungsvolle Aufgabe des CIO.
  • wenn er es schafft, die erforderlichen Budgets für neue IT-Projekte mit der Cloud vor allem durch Umverteilungsmaßnahmen zu lukrieren. Denn damit hat er den finanziellen Spielraum, den er für die Neupositionierung der IT benötigt.

Informationstechnologie ist heute so komplex und schnelllebig geworden, dass man intern im Normalfall nicht mehr in der Lage ist, die nötige Ausfallsicherheit, Skalierbarkeit, Sicherheit, Compliance und Modernität aufzubieten, die ein erfolgreicher Betrieb voraussetzt. Und wenn es gelingt, dann auf Kosten von Innovation und Kernkompetenzen im Unternehmen, die sträflich vernachlässigt werden.

Immer wieder ist im Zusammenhang mit der Cloud von der „IT aus der Steckdose“ die Rede und dieser Vergleich macht tatsächlich Sinn. Denn heute würde niemandem mehr einfallen, einen eigenen Stromgenerator aufzustellen, wenn er den Mixer in der Küche bedient. In der IT sind wir gerade bei diesem Übergang. Es geht zunehmend um den möglichst sinnvollen Einsatz von Anwendungen und Services, während wir die Infrastruktur einfach mal voraussetzen bzw. denen überlassen, die sich darauf spezialisiert haben.

Wenn es gelingt, diesen Freiraum mit Innovationen zu füllen, dann ist die IT auf einem guten Weg.