Vom Hype zum Marketplace

Das war keine wirklich gute Idee: Da schickt der Gastgeber eines gemeinschaftlichen Abendessens an alle Teilnehmer eine Mail mit angehängter Word-Datei. In diese Liste solle man eintragen, welche Speisen und Getränke man mitbringen möchte. Im Nu waren zig Versionen im Umlauf, leider alle unvollständig.

So beginnt Peter Stelzel-Morawietz in der Süddeutschen seinen Beitrag über Cloud Computing und das Büro der Zukunft. Er beschreibt das Chaos, das durch dieses simple Einladungsmail entsteht und am Ende dazu führt, dass es Nachtisch im Überfluss gibt und die Beilagen Mangelware bleiben. „Halt!“, höre ich Sie rufen: „Was hat das Ganze mit der Cloud zu tun? Dinge wie eine zentrale Terminabstimmung oder die Team-Editierung von Dokumenten zusammen mit einer anständigen Versionierung sind doch heute Unternehmensstandards!“

Natürlich haben Sie Recht. Natürlich haben wir innerhalb der Unternehmensgrenzen jede Menge Standards etabliert. Nur: Was tun, wenn die Unternehmensgrenzen heute jeden Tag neu gezogen werden? Wann kann man sich auf die Standards verlassen und wo hören sie auf? Beim mobilen Mitarbeiter im Außendienst, beim Partner, beim Lieferanten, beim Freelancer – oder beim Kunden, der ja längst kein dummer Konsument mehr ist, sondern mittlerweile als Pro-Sumer frühzeitig in die Entwicklungsprozesse eingebunden wird? Dass selbst Konkurrenzunternehmen im Zeichen der „Coopetition“ in bestimmten Segmenten zu strategischen Partnern werden können, leben Microsoft und SAP exemplarisch vor.

Laut Hans Berndl, Manager für Strategisches Marketing und Technology Evangelist bei Microsoft Österreich, ist das „der springende Punkt der Cloud. Sie sorgt dafür, dass wir gut etablierte Konzepte nicht nur im Business, sondern auch privat, nicht nur lokal, sondern eben weltweit und über Unternehmensgrenzen hinweg leben können – unabhängig von der Infrastruktur, die uns umgibt.“ Das erklärt auch den Hype um sie und die Begriffsverwirrungen, die dadurch entstehen, dass sie so viele Facetten hat. Sie kann ein Business-Modell bedeuten oder eine Infrastruktur, eine Speicherressource für Daten genauso wie eine Bereitstellungsweise für Anwendungen, die heute eben nicht mehr installiert werden müssen, sondern als virtuelles Service und wie eine Datei auch für kleinste Devices angeboten werden können.

Die Cloud als Motor für das neue Arbeiten

Und deshalb bedeutet die Cloud auch für die Produktentwicklung etwas ganz anderes, wie für die IT-Abteilung oder die neue Welt des Arbeitens, deren Dynamik und Mobilität eigentlich erst durch die Cloud abgebildet werden kann. Kein Wunder also, dass sie meist als Plural gedacht und zu jedem Kirtag eingeladen wird.

Für Harald Leitenmüller, National Technology Officer bei Microsoft Österreich, ist die „Cloud der Katalysator für den flexiblen Arbeitsstil. Sie wird quasi eine extra-territoriale Zone für mobile Arbeitskräfte, die über das Internet jederzeit, von überall und mit den unterschiedlichsten Devices erreichbar ist. Dieser Convenience-Faktor ist ein hoher Motivator für jeden Mitarbeiter“, denn ohne Komfort geht heute gar nichts mehr.

“By 2012, 80% of Fortune 1000 enterprises will be using some cloud computing services, 20% of businesses will own no IT assets.” - Gartner Group -

Für den Anwender bedeutet dieser Komfort nicht nur eine Anhebung der Usability, sondern auch ein Mehr an Entscheidungsfreiheit. Wir nutzen heute Ressourcen und Anwendungen, wie wir es brauchen. Und wir netzwerken, was das Zeug hält. Zuhause, unterwegs und in der Arbeit. IT muss diese flexiblen Arbeitsstile unterstützen, wenn sie dran bleiben will am Anwender. Auch die sozialen Medien werden Teil dieser neuen Arbeitswelt – und Unternehmen müssen heute bereit sein, diese aktiv durch neue Raum- und Technologiekonzepte mitzugestalten. Denn nur so werden sie sich im Kampf um die besten Arbeitskräfte à la longue nicht ins Abseits manövrieren.

Die Cloud schafft Spielräume

Ideologische Vorbehalte sind dabei schlechte Ratgeber – auch, wenn es um die Cloud geht. Im Vordergrund sollte der Bedarf und Nutzen jedes einzelnen Kunden stehen. Und hier zeigt sich, dass diese sehr oft sogenannte Hybridlösungen bevorzugen, wie Marcus Izmir am Beispiel einer aktuellen Office 365 Migration bei Thalia bestätigt: „Wir sehen, dass sich der 0/1- bzw. Entweder/Oder-Zugang in der Praxis so gar nicht stellt. Weil wir meistens einen Mix aus Cloud und On-Premise-Diensten haben, der – präzise geplant – jene Spielräume eröffnet, die es zu nutzen gilt. Einmal ist mehr lokal und weniger in der Cloud. Und ein anderes Mal umgekehrt. Und dieses Sowohl/Als auch bedeutet Flexibilität. Für Kunden genauso wie für Partner.“

Das Beispiel Thalia veranschaulicht, worum es geht: Dass wir uns von den Infrastrukturzwängen befreien und IT als Business-Motor neu erfinden. Das funktioniert nur, wenn wir auf dynamische Architekturen setzen, die unsere Wendigkeit fördern. Dass dabei Skalierbarkeit und die „Economies of Scale“ eine entscheidende Rolle spielen, zeigen die Standards, die von den großen Cloud-Providern in diesem Bereich geboten werden.

Andreas Ebert, ehemaliger Geschäftsführer von Microsoft Österreich und nun Regional Technology Officer für Microsoft EMEA, bringt dazu folgendes Beispiel: „Microsoft betreut heute 1,3 Milliarden Hotmail-Mailboxen, das sind 3 Zehnerpotenzen Unterschied zu Walmart, der mit 1,8 Millionen Mitarbeitern größten Firma der Welt. Und jeden Monat kommen 3 Petabyte (das sind 30 Millionen Gigabyte, Anm. BIZ-of-IT) hinzu. Vor diesem Hintergrund ist die Cloud technologisch eine Evolution, wirtschaftlich jedoch eine Revolution, weil es mit ihr praktisch keine Einstiegskosten in die Welt der IT mehr gibt.“

“The challenge for CIOs will be less about delivering IT to the enterprise than about augmenting the business through new technologies. ” - CIO Leadership Forum -

An dieser Stelle ist anzumerken, dass diese Einstiegshürden ja nicht nur für Unternehmen, sondern auch auf einer Ebene darunter für die Fachabteilungen fallen, weil Sie für viele Dinge nicht mehr den Canossa-Gang zur IT antreten und für ihre Lösungen um Invest-Budgets betteln müssen. Etwaigen Widerständen, die aus der IT-Abteilung kommen und gegen diese Self-Service-Komponente einer Cloud-basierten IT gerichtet sind, begegnet Andreas Ebert mit einem Schmunzeln und einer entwaffnenden, an den CIO adressierten Frage: „Sind Sie Chief Information Officer oder Chief Datacenter Officer? Das kann vieles klären. Denn in seiner Antwort wird klar, ob er seine Rolle über die Anzahl der Server beschreibt, die er kontrolliert, oder über die Business-Werte, die er mit Hilfe der IT kreiert.“

Die Cloud als Integrator

Neue Business-Perspektiven verdrängen alte Reibereien. Und Microsoft geht mit gutem Beispiel voran, indem alles dem großen End-to-End-Ansatz der Cloud untergeordnet wird. Die Technologie, die dies möglich macht, heißt Virtualisierung – von Servern, Desktops und Anwendungen. Der Trick dabei ist immer der gleiche: Zuerst wird getrennt und dann wird umschlossen – damit die benötigte Utility wie in einer geschützten Kapsel konfliktfrei und als File in jeder Umgebung verteilt werden kann. Am Ende pflückt sich der Anwender aus den ihn wie eine Wolke (Cloud!) umgebenden Infrastrukturangeboten das heraus, was er für seine momentane Arbeit braucht.

Ausgrenzung war gestern. Heute zählt Integration – von Plattformen genauso wie von Devices. Das Zauberwort heißt: Interoperabilität oder Zusammenspiel. Deshalb werden auf der Microsoft Cloud Plattform iPhones genauso unterstützt wie Windows Phones, Java und PHP genauso wie .net. Und deshalb ist die neue Kommunikationsplattform Lync seit kurzem auch für iPads verfügbar – und das egal, ob Kunden den Lync Server lokal oder in der Cloud betreiben.

Die Cloud ist eine Revolution, weil sie um den Anwender kreist. User-Centric-Computing. Was früher Theorie war, wird durch die Cloud Realität. Sie bedeutet für Unternehmen, dass sie sich endlich – nach Jahren der IT-Frondienste – wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren können. Client-Centric-Computing – wenn Sie so wollen. Dass die Cloud in jeder Hinsicht wendiger macht, hat sich auch in Österreich langsam herumgesprochen, wie Christoph Kränkl, Enterprise Partner Group Lead, Microsoft Österreich, in seiner Rolle als Marktbeobachter betont: „Der entscheidende Unterschied zu noch vor einem Jahr ist der, dass die Cloud heute in der Business-Realität angekommen ist. Das sehen wir auch hier in Österreich an den Projekten, die jetzt gestartet werden. Sie zeigen uns, dass die Unternehmen ihre Berührungsängste abgelegt und mittlerweile sehr präzise gelernt haben, die konkreten Angebote der Cloud für Ihre spezifische Situation zu evaluieren.“

Die Cloud als Marketplace

Das, was früher nur mit hohen Kostenaufwänden verbunden war, wird durch die Cloud als Commodity verfügbar! Das ist Teil der Revolution, von der wir hier sprechen. Die Cloud wird erwachsen – das zeigt unter anderem der neue Windows Azure Marketplace (Details im Interview mit Christian Bartl), der seit Ende 2011 auch für Österreich verfügbar ist und der Vielzahl an Web-Anwendungen Rechnung trägt, die in den letzten 2 Jahren auf der Azure Plattform entwickelt wurden. Er bietet Lösungsanbietern spezielle Vertriebsservices in Kombination mit einer Vermarktungsplattform, auf der sie ihre Anwendungen, aber auch Daten überregional vertreiben können.

Auch Daten! Denn neben dem App-Market gibt es im Windows Azure Marketplace auch einen Data-Market, in dem unterschiedlichste Datensets (lokalen Klimadaten, wirtschaftlichen Daten, regionale Verkehrsdaten, etc.) für unterschiedlichste Zielgruppen angeboten werden können. Harald Leitenmüller ist überzeugt, dass gerade der Bereich Open Data eine riesige Chance bietet, das lokale Wirtschaftssystem zu beleben: „Eigentlich sollte jedes Informationsprodukt, das hauptsächlich durch staatliche Förderung und damit durch die Allgemeinheit finanziert ist, verpflichtend als Open Data publiziert werden müssen. Open Data ermöglicht auch eine neue Art von Open Innovation – damit möglichst alle Unternehmen, Experten und Talente an der lokalen Wertschöpfung teilnehmen können. Das könnte in der Zukunft für die Stärkung des IT-Standorts Österreich entscheidend sein.“

Unterm Strich geht es um die Wettbewerbsfähigkeit in einer Welt, die in vielen Bereichen im Umbruch ist. Die IT, die aus der Cloud kommt, ist eine vielgestaltige Antwort auf die zahlreichen Facetten, die diesen Umbruch beschreiben.