Jeffrey R. Jones
Senior Director, Security Business & Technology Unit
Microsoft Corporation
Im März veröffentlichte Forrester Research eine aktuelle Studie mit dem Titel „Is Linux More Secure Than Windows“. Diese Studie richtet das Augenmerk auf die unterschiedlichen Phasen, die bei einer Sicherheitsanfälligkeit durchlaufen werden (Vulnerability Life Cycle), und auf so genannte „Days of Risk“ oder Risikotage, in denen das Sicherheitsrisiko besonders hoch ist.
Ziel der 12-monatigen Untersuchung von Forrester war es, eine objektive, wiederholt einsetzbare und unabhängige Methode für die Definition und Messung von Reaktionsfähigkeit, relativem Schweregrad und Gründlichkeit zu entwickeln, die auf sämtliche Softwareanbieter anwendbar ist. Alle in der Studie untersuchten Anbieter erhielten (und nutzten) die Gelegenheit, die Genauigkeit der analysierten Daten zu überprüfen.
Anhand dieser unabhängigen Methode und den von Forrester erhältlichen verifizierten Daten können Sie die Studie selbst nachvollziehen und daraus eigene Schlüsse ziehen. Obwohl die Ergebnisse der Studie (Microsoft erhielt die Bestnoten) von den mitwirkenden Linux-Distributoren in Frage gestellt werden, steht Unternehmen hier ein neues Messtool für bestimmte Sicherheitsaspekte der von ihnen eingesetzten Software zur Verfügung.
Die genauen Ergebnisse der Forrester-Studie, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann, entnehmen Sie bitte dem Bericht selbst. Nachfolgend soll beleuchtet werden, inwiefern die Konzepte dieser Studie bei der Verwaltung Ihres Unternehmens und Anbieters dazu beitragen können, das Risiko unerlaubter bzw. schädlicher Netzwerkangriffe zu reduzieren.
| Vulnerability Life Cycle | |
| Reduzierung der Risikotage | |
| Aktionsplan zur praktischen Umsetzung | |
| Konkrete Aktionen für Ihr Unternehmen | |
| Fragen an Ihren Softwareanbieter |

| • | Entdeckung der Sicherheitsanfälligkeit: Dies ist der Zeitpunkt, zu dem ein einzelner Benutzer oder eine kleine Benutzergruppe erstmals eine Sicherheitsanfälligkeit in der Software feststellt. |
| • | Bekanntmachung der Sicherheitsanfälligkeit: Die Sicherheitsanfälligkeit wird allgemein bekannt gegeben – in der Regel durch Newsgroups oder die Presse. Die allgemeine Bekanntgabe der Sicherheitsanfälligkeit steigert die Wahrscheinlichkeit möglicher Angriffe, bei denen versucht wird, sich diese Sicherheitsanfälligkeit zunutze zu machen. Software zum Schutz vor Angriffen, wie z. B. eine persönliche Firewall, kann das Angriffsrisiko mindern, bis eine Fehlerbehebung verfügbar ist. |
| • | Verfügbarkeit einer Fehlerbehebung: Zu diesem Zeitpunkt stellt ein Softwareanbieter (oder ein Distributor wie Red Hat) einen getesteten Patch bereit. Während einige Anbieter ihre Fehlerbehebungen sehr offen und transparent verbreiten, z. B. in Form von allgemeinen Sicherheitsmitteilungen oder Bulletins, gehen andere nur zögerlich an die Öffentlichkeit. Benutzer sollten verfügbare Patches sofort installieren, um das Risiko der erkannten Sicherheitsanfälligkeit zu verringern. |
| • | Verfügbarkeit des Angriffscodes: Zu diesem Zeitpunkt wird der Code eines Beispielangriffs veröffentlicht. Damit können sowohl professionelle Codeschreiber als auch eher unerfahrene Benutzer, so genannte „Script Kiddies“, den Angriffscode einfacher nachbilden oder weiterentwickeln. Dies führt wieder zu einem erhöhten Sicherheitsrisiko für Kunden. |
| • | Bereitstellung der Fehlerbehebung (oder Verringerung des Schweregrades der Sicherheitsanfälligkeit). Die Software wird aktualisiert, um die Sicherheitsanfälligkeit zu beheben. Das Sicherheitsrisiko geht auf den normalen Schweregrad zurück. Diese Maßnahme zur Schadensbegrenzung kann als separater Schritt gesehen werden und in einigen Fällen schon vor der Verfügbarkeit des Angriffscodes erfolgen. |
Dieses Phasenmodell macht deutlich, dass im Falle von Sicherheitsanfälligkeiten die Zahl der Tage mit hohem Risiko auf Null reduziert werden muss, um die Sicherheitsrisiken für die Software zu minimieren. Der erste Risikotag ist der, an dem die Sicherheitsanfälligkeit veröffentlicht wird.
Um dieses Ziel zu erreichen, muss im nächsten Schritt nach geeigneten Maßnahmen gesucht werden. Im oben erläuterten Phasenmodell sind dafür drei Parteien zuständig: Softwareanbieter, Softwarebenutzer und Sicherheitsexperten. Darüber hinaus sollte auch eine vierte Partei nicht vergessen werden, von der während solcher Risikotage die eigentliche Gefahr ausgeht: die Angreifer.
Nachfolgend sind die Aspekte aufgeführt, die zur Reduzierung von Risikotagen beitragen.
Softwareanbieter
| • | Relativer Schweregrad (Forrester-Messdaten) – Produkte mit weniger Sicherheitsanfälligkeiten und geringerem Schweregrad. |
| • | Reaktionsfähigkeit (Forrester-Messdaten) – Fehlerbehebungen, die nach der Bekanntgabe einer Sicherheitsanfälligkeit schnell verfügbar sind, reduzieren das Risiko. |
| • | Gründlichkeit (Forrester-Messdaten) – Alle Sicherheitsanfälligkeiten werden beseitigt. |
Sicherheitsexperten
| • | Verantwortungsbewusstes Verhalten bei der Veröffentlichung – Die Veröffentlichung einer Sicherheitsanfälligkeit ohne Bereitstellung einer geeigneten Fehlerbehebung erhöht das Risiko. |
Angreifer
| • | Würmer/Viren – Bedrohung. Mobile Angriffsarten zielen auf maximale Verbreitung, größtmöglichen Schaden und weltweite Bekanntheit ab. |
| • | Root-Angriffe – Bedrohung. Diese heimlichen Angriffe sind auf Datendiebstahl oder dauerhaften Zugriff ausgerichtet. |
Softwarebenutzer
| • | Patchverwaltung – Durch Fehlerbehebung für Sicherheitsanfälligkeiten kann das Angriffsrisiko beseitigt werden. |
| • | Schadenbegrenzende Maßnahmen – Durch die Behebung einer Sicherheitsanfälligkeit (blockieren eines Ports oder beenden eines Dienstes) wird das Angriffsrisiko beseitigt. |
Als Sicherheitsexperte oder Entscheidungsträger im Unternehmen können Sie den Softwareanbieter für Ihre Sicherheitslösungen wählen und das Verhalten beider Partner beeinflussen. Ein Aktionsplan für einen geeigneten Vulnerability Life Cycle könnte beispielsweise wie folgt aussehen:
| • | Benutzerprozesse zur Verringerung der Risikotage anpassen. |
| • | Anbieterleistung im "Vulnerability Life Cycle"-Modell verbessern |
| • | Sicherheitsexperten auffordern, die Risikotage zu verringern. |
| • | Angreifer auffordern, ihre unerlaubten Aktionen einzustellen. |
Welche Prozesse am effektivsten sind, hängt von der Größe Ihres Unternehmens ab. Folgende Kernfragen sind dabei zu berücksichtigen:
| • | Netzwerkarchitektur: Können einzelne Systembereiche isoliert und so vor möglichen Bedrohungen geschützt werden? Gibt es bereits vertrauenswürdige Netzwerkdomänen, die durch optimal kontrollierte Gateways voneinander getrennt sind? |
| • | Systemabsicherung und Schutzsoftware: Sind Ihre Systeme ausreichend geschützt? Wurden beispielsweise alle unbenötigten Ports der Datenbankserver blockiert? Verfügen Ihre Arbeitsstationen über Antivirensoftware und persönliche Firewalls, die zentral verwaltet werden können? Sind Sie sicher, dass dabei sämtliche Ihrer Richtlinien erfüllt werden? |
| • | Richtlinien und Prozesse für Softwareupdates: Arbeiten private Benutzer und Kleinunternehmen mit AutoUpdate-Funktionen? Verfügt Ihr Unternehmen über erstklassige Tools für effiziente Updates? Haben Sie geeignete Testverfahren für Updates entwickelt? Können Sie die Relevanz für Ihre Umgebung messen? |
| • | Verantwortungsbewusstes Verhalten von Sicherheitsexperten bei der Veröffentlichung: Wird Ihr Unternehmen durch Marketing- und PR-Aktionen unnötigen Risiken ausgesetzt? Sprechen Sie sich deutlich genug gegen schädliche Verhaltensformen aus? |
| • | Ergreifung von Angreifern: Arbeiten Sie in geeigneter Form mit Behörden und anderen Unternehmen zusammen, um die Verursacher von Angriffen zu identifizieren und zu fassen? |
Die Forrester-Studie enthält einen ersten Anbietervergleich. Sie können Ihren Anbieter jedoch auch bitten, Ihnen aktuelle Daten bereitzustellen, damit Sie anhand der Forrester-Methode eigene Vergleiche anstellen können.
| • | Wie gut ist Ihre Reaktionsfähigkeit für Produkt X (gemessen am "Vulnerability Life Cycle"-Modell)? |
| • | Wie viele Sicherheitsanfälligkeiten mit einem ernsten Schweregrad gab es für Produkt X in einem bestimmten Zeitraum (gemessen an einem allgemein anerkannten Bewertungssystem eines Drittanbieters wie ICAT)? |
| • | Wie viele Sicherheitsanfälligkeiten von Produkt X sind nach einem bestimmten Zeitraum noch nicht behoben? |
| • | Welche Detailaspekte des Softwareentwicklungsprozesses tragen dazu bei, die Gesamtzahl der Sicherheitsanfälligkeiten zu reduzieren? |
| • | Welche Verbesserungen haben Sie am Softwareentwicklungsprozess vorgenommen, um die Zahl der Sicherheitsanfälligkeiten zu reduzieren? Wann haben Sie diese Verbesserungen vorgenommen? Gelten sie für alle Komponenten von Produkt X? |
| • | Welche Maßnahmen haben Sie getroffen, um bestimmte Arten von Sicherheitsanfälligkeiten für Produkt X zu mindern oder zu beheben? |
| • | Welche Funktionen und Tools bieten Sie, um mir die Verwaltung von Updatepaketen zu erleichtern? Kann ich Ihre Updates deinstallieren? Wenn ja, welche Folgen hätte dies? |
| • | Habe ich die Möglichkeit, die Bereitstellung einzelner Updates jeweils zu bestätigen? Bieten Sie einen einheitlichen Updateprozess? Ist ein Neustart (oder eine Neukompilierung) erforderlich? Kann ich das Systemverwaltungstool eines Drittanbieters weiterhin nutzen? |
| • | Wie fördern Sie das verantwortungsbewusste Verhalten von Sicherheitsexperten in der Branche? |
| • | Was unternehmen Sie, um unerlaubte Aktionen von Angreifern zu unterbinden? |
Immer mehr Kunden erkennen, dass integrierte Sicherheitsfunktionen bei geschäftlichen Entscheidungen eine zentrale Rolle spielen. Sie stellen konkrete Fragen und erwarten fundierte, objektiv nachprüfbare Antworten.
Die Forrester-Studie ist ein wertvolles Instrument für Kunden. Es ist daher davon auszugehen, dass im Laufe des nächsten Jahres zahlreiche weitere Studien folgen werden, deren Ziel es ist, Vorurteile, Meinungen und Einstellungen mit Hilfe umfassender Datenanalysen und formaler Methoden zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Falls einige Leser das Bedürfnis haben, die Ergebnisse durch eigene Untersuchungen zu überprüfen, kann die allgemeine Sicherheit davon nur profitieren.
Der Nutzen derartiger Methoden und Messdaten zeigt sich letztlich daran, ob Kunden und Anbieter sie zur praktischen Verbesserung ihrer Abläufe und des gesamten Branchenumfelds nutzen können. Meiner Ansicht nach werden sich die Forrester-Studie und das „Vulnerability Life Cycle“-Modell in dieser Hinsicht bestens bewähren.