Und das soll Kunst sein?

piece of the wallDer mit Graffiti übersäte Teil der Berliner Mauer, den Microsoft von der Daimler-Benz AG erhielt, wird Teil der fast 2.000 Kunstwerke umfassenden Microsoft Art Collection. Diejenigen, für die Graffiti im Grunde nichts weiter als ein Mittel zur Verschandelung unserer Städte darstellt, werden sich vielleicht fragen: "Und das soll Kunst sein?"

Im Fall der Berliner Mauer war Graffiti oft Ausdruck des Protestes gegen das stalinistische Regime Ostdeutschlands, das die Mauer errichtet hatte, ein symbolisches Durchbrechen der Mauer und das Infragestellen ihrer Legitimität. Die Mauer zog Kunstschaffende an, bekannte und unbekannte, deutsche und nichtdeutsche, die schnell hingekritzelte Worte, komplexe Kompositionen und sogar große Wandgemälde hinterließen.


piece of the wallDiese Werke waren jedoch vergänglich. Da die Mauer auf ostdeutschem Boden stand, war auch die Westseite der Mauer in ostdeutschem Besitz. Die DDR-Behörden ordneten von Zeit zu Zeit ihre "Reinwaschung" an, schufen damit aber im Grunde nur frische Leinwand für neue künstlerische Impulse. Bald zierten neue Graffiti-Kreationen die übertünchten Stellen, und die Mauer wurde zu einem dynamischen Brennpunkt der optischen Darstellung dessen, was Ost und West kulturell, sozial und politisch voneinander trennte. Sie wurde zu einem sich ständig verändernden, allen zugänglichen Freilichtmuseum der - ja, warum nicht - Kunst.

Sowohl die Ost- als auch die Westseite des Mauerstücks, das jetzt Microsoft gehört, war mit bunter Graffiti bedeckt. Auf der Westseite knallbunte Sprühgraffiti, wie wir sie aus vielen Großstädten kennen. Ohne die angrenzenden Mauerteile ist schwer festzustellen, zu welchem größeren "Kunstwerk" dieser Graffiti-Ausschnitt gehört. Dennoch handelt es sich dabei um eine dichte Ansammlung abstrakter Darstellungen voller Farben und Energie, eine Collage urbaner Kalligraphie.


piece of the wallFür die Betrachtenden ist aber vermutlich gerade das Graffiti-Werk auf der Ostseite des Microsoft-Mauerstücks am faszinierendsten. Über einer Gruppe nur angedeuteter Zeichnungen, darunter Blumen, ein Teddybär und ein Mann mit einer Uniformmütze, erheben sich ein bunter Regenbogen und das Wort "Happy". Diese fröhlichen Bilder entstanden mit großer Sicherheit nach der Maueröffnung im Jahre 1989 und vor dem eigentlichen Abriß, und es ist anzunehmen, daß sie gemalt wurden, um diesen historischen Moment zu feiern. Die Vorstellung derart fröhlicher Bilder auf der Ostseite der Mauer bildet einen interessanten Kontrast zur typischen westlichen Einstellung gegenüber der ehemaligen DDR: düster, unterdrückt, nicht happy.


piece of the wallUnd was passierte mit dem Rest der Mauer? Bis auf einen kleinen Teil, der als Denkmal erhalten blieb, ist die Berliner Mauer heute verschwunden: vom Osten errichtet und größtenteils vom Westen veräußert. Kleine Stücke wurden abgebrochen und als Erinnerungsstücke gesammelt oder von geschäftstüchtigen Einzelpersonen verkauft; große Teile wurden verkauft oder an Museen übergeben. Geschichte verwandelte sich plötzlich in bares Geld, wurde gehandelt und verteilt. Im Zentrum Berlins entsteht anstelle der Mauer am Potsdamer Platz ein großzügig angelegter Komplex mit Geschäfts-, Wohn- und Unterhaltungseinrichtungen, ein Symbol der Wiederbelebung und des Optimismus für das wiedervereinigte Berlin. Die Menschen im ehemaligen Ost- und Westdeutschland haben sich jedoch noch nicht ganz an den Zustand der Wiedervereinigung gewöhnt. Vielleicht werden wir erst eine Generation später wissen, ob der Optimismus, der in diesem Regenbogenbild und am neuen Potsdamer Platz zum Ausdruck kommt, gerechtfertigt war.