Schnittstellen sind unsere grosse Herausforderung

Moderation: Medard Meier | Fotos: Jos Schmid | Microsoft Envision Ausgabe 2

Bei Firmenfusionen spielt die IT eine zentrale Rolle. Wie man deren Potenzial voll ausschöpft und die Kosten in den Griff bekommt, erläutern Urs Rüegsegger, CEO SIX Group AG, und Peter Waser, General Manager Microsoft Schweiz.

Rechtlich ist der Zusammenschluss von SWX Group, SIS Group und Telekurs vollzogen. Wie weit ist die betriebswirtschaftliche Zusammenführung gediehen?

Urs Rüegsegger: Grosse Themen wie die Harmonisierung des Personalwesens und der Schnittstellen in der Informatik haben wir in Angriff genommen. Bei der Neugestaltung der Informatikumgebung an den Arbeitsplätzen ist Microsoft direkt involviert.

Peter Waser: Die drei Unternehmen, die Sie, Herr Rüegsegger, zur SIX Group fusioniert haben, weisen unterschiedliche ICTPlattformen (Information and Communication Technology) auf. Diese gilt es nun, näher zusammenzuführen.

Rüegsegger: Genau. Die drei Systeme werden laufend erneuert. Oberste Priorität hat die ständige Verfügbarkeit. Wir streben nun mit Optimierungs- und Harmonisierungsschritten nach Synergien. Die drei Kernapplikationen bleiben jedoch bis zu einem gewissen Grad voneinander unabhängig.

Bedeutet dies nicht einen Stopp auf halbem Weg?

Rüegsegger: Überhaupt nicht. Die fusionierten Unternehmen bleiben ja als selbstverantwortliche Business-Einheiten bestehen. Es gibt keine Mitarbeitenden, die für ihre Arbeit gleichzeitig die Systeme mehrerer Geschäftsfelder – Börse, Wertschriftendienstleistungen, Finanzinformationen, Zahlungsverkehr – benötigen.


Waser: Einer Ihrer grossen Kostenblöcke ist die ICT. Gleichzeitig ist die SIX Group einem harten Preiswettbewerb ausgesetzt. Für solche Herausforderungen haben wir Lösungen erarbeitet – wie die Intranet-Lösung SharePoint.

Rüegsegger: Es herrscht tatsächlich ein enormer Kostendruck. Gewisse Konkurrenten verlangen zum Beispiel signifikant geringere Gebühren. Das heisst für uns, nicht nur die Preise, sondern auch die Kosten zu senken. Auch die Bedeutung von «Time-tomarket » nimmt ständig zu. Entsprechend müssen die Prozesse beschleunigt werden, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Wir sind noch nicht da, wo wir sein möchten. Die Implementierungszyklen von neuen Produkten sind noch zu lang. Weiter werden wir divisionsübergreifend Dienstleistungspotenziale ausschöpfen können. Dazu prüfen wir SharePoint.

Waser: Hier können wir unsere Vorteile für den Kunden ausspielen. Denn die Technologie soll nicht nur Wettbewerbsvorteile erzielen, sondern auch den Menschen ermöglichen, erfolgreicher zu sein. SharePoint ist in der Lage, massgeschneiderte Dienstleistungen zu erbringen und gleichzeitig Kosten in den Griff zu bekommen.

Rüegsegger: Wie Sie bei Microsoft, sehen wir uns als Enabler. Wenn Finanzplatzteilnehmer dank uns Erträge generieren, haben wir unsere Arbeit gut gemacht.

Waser: Weitere Möglichkeiten für Kostenoptimierungen sind, die Telefonie im PC zu integrieren und Dienstleistungen wie E-Mail-Services auszulagern.


Rüegsegger: Da sind wir sehr offen. Eines meiner Kernanliegen ist, sich auf Schnittstellen zum Kunden, die Systemstabilität und das Risikomanagement zu konzentrieren. Selbstverständlich braucht es Leitplanken und klare Kriterien, nach denen Dienste ausgelagert werden. Unverzichtbar ist alles, was mit der Verfügbarkeit unserer Systeme zusammenhängt. Gewisse Einschränkungen ergeben sich auch aus den Verpflichtungen gegenüber Aufsichtsbehörden und Nationalbank. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen optimieren wir unsere Prozesse. Das grösste Projekt ist die neue Börsenhandelsplattform der SIX Swiss Exchange.

Von wirklich grossen Synergien aus dem Zusammenschluss erwähnen Sie nichts.

Rüegsegger: Wir müssen realistisch sein. Unsere vier zusammengeführten Geschäftsfelder – Wertschriftenhandel und -dienstleistungen, Finanzinformationen, Zahlungsverkehr – überlappen sich praktisch nicht. Das Potenzial für Kosteneinsparungen ist darum sehr limitiert. Der Haupttreiber des Zusammenschlusses waren nicht die Kosten. Zuvorderst stand die Sicherung der Infrastruktur des Finanzplatzes Schweiz. Ferner sollen unter einem gemeinsamen Dach neue, übergreifende Dienstleistungen entwickelt werden.

Waser: Sie haben die Geschwindigkeit bei der Markteinführung von Produkten erwähnt. Ein Stolperstein ist dabei oft, dass ältere Plattformen mit dieser Anforderung nicht Schritt halten.

Rüegsegger: Das ist ein wichtiger Punkt. Es nützt nichts, wenn wir Dynamik entwickeln und uns ehrgeizige Ziele setzen und dann bei der Umsetzung nicht Schritt halten können. Letztlich sind wir ein bedeutendes Informatikunternehmen. Die Erneuerung unserer Anlagen wird laufend vorangetrieben. Die Kundenbedürfnisse sind dabei der Treiber. Neben den Managementprozessen spielt für unser Tempo die Technologie zweifellos eine zentrale Rolle. Alleine im Jahr 2008 investieren wir über 100 Millionen Franken in die IT.

Waser: Die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes kann sicher gestärkt werden, wenn auf der Dienstleistungsseite die IT-Infrastruktur weiter verschlankt wird. Die modernen Systeme helfen, die Kosten zu senken und die Sicherheit zu erhöhen. Zwei oft gegensätzliche Ziele können gemeinsam angesteuert werden.

Herr Rüegsegger, welche Zielgrössen haben Sie?

Rüegsegger: Top im Service sein, bei den Kosten im vorderen Drittel, eine führende Rolle bei Innovationen einnehmen! Unsere sogenannte Swiss Value Chain, die Börsenhandel, Abwicklung und Verwahrung sowie Finanzinformationen umfasst, ist einzigartig. Unsere Aufgabe ist es, das Einzigartige dieser Wertschöpfungskette zu erhalten.

Waser: Ein Schlüssel für die Zukunft ist, dass es gelingt, ohne grössere manuelle Eingriffe die Prozesse zu betreiben. Insbesondere mit webbasierten Applikationen können gleichermassen Kosten gesenkt und die Kundenzufriedenheit erhöht werden.

Rüegsegger: Diese Vision haben wir. Asset-Manager mit guten Anlageideen sollten sagen: «Jawohl, ich setze diese in der Schweiz um.» Mit einem Büro sowie einem Internetzugriff sollten sie ihre Vorstellungen mit unseren Dienstleistungen umsetzen können – und das zu vernünftigen Preisen. «Plug and play» heisst die Zielsetzung. Das ist eine der Voraussetzungen für den Finanzplatz, um im globalisierten Finanzmarktgeschäft Schritt halten zu können.

Da machen Sie aus der Not des kleinen Heimmarkts gleichsam eine Tugend.

Rüegsegger: Der Schweizer Markt ist längerfristig volumenmässig zu klein, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir müssen unsere Dienstleistungen internationalisieren. Um unser Produktangebot aufrechtzuerhalten und die Kosten zu senken, braucht es einen ständig wachsenden Kundenkreis.

Zunehmende Konkurrenz erwächst Ihnen auch von alternativen Börsenplattformen, den MTFs.

Rüegsegger: Das ist unvermeidbar. Die Multilateral Trading Facilities (MTF) werden sich auf dem europäischen Markt etablieren. Als Folge davon wird das Preisniveau weiter sinken. Darauf müssen wir uns mit unseren Angeboten und unseren Gebühren einstellen.

Waser: Das geht nur über einen verstärkten strategischen Einsatz der ICT. Neben mehr Kosteneffizienz erhält man gleichzeitig mehr Businesspotenzial mit innovativen Geschäftsmöglichkeiten. Gerade in der angespannten Wirtschaftssituation kommt einer modernen ICT-Infrastruktur grösste Bedeutung zu. Sie ermöglicht es, flexibler auf Markterfordernisse zu reagieren und neue Geschäftsmodelle auszuprobieren.

Gibt es erste Lektionen aus der aktuellen Finanzkrise?

Rüegsegger: Die Finanzmärkte reagieren immer schneller und komplexer, was nach raschen und zuverlässigen Entscheiden verlangt. Damit dies gelingt, braucht es eine hochintegrierte Infrastruktur – zum Beispiel Systemlandschaften, die aufeinander abgestimmt sein müssen. Davon sind auch die Geschäftsund Aufsichtsprozesse betroffen. Der grosse Vorteil der Schweiz ist, dass man aufgrund der Überschaubarkeit alle Interessengruppen – von den Kunden bis zu den Regulatoren – an einen Tisch bringt. Diese Stärke gilt es zwingend zu erhalten.

Waser: Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und danke für das Gespräch.


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