Zürich ist der IT Standort Nummer eins in der Schweiz

Moderation: Medard Meier | Fotos: ScanderbegSauer | Microsoft Envision Ausgabe 1

«Die Stadt Zürich hat Grosses geleistet», sagt Peter Waser, Chef von Microsoft Schweiz. Mit dem Zürcher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber diskutiert er über Perspektiven von E-Government, den Standort Zürich und die Lösung von Nachwuchsproblemen.

Herr Ledergerber, könnten Sie sich ein Leben ohne IT noch vorstellen?

Ledergerber: Mein Alltag wäre ohne IT nicht mehr denkbar. Vor 20 Jahren verkörperte die Kugelkopf-Schreibmaschine von IBM mit Korrekturtaste für mich den Stand der Technik, mit dem ich vollständig zufrieden war. Schwarzes Mittelalter aus heutiger Sicht! Ohne IT wäre das Leben fast nicht mehr vorstellbar – auch in der Stadtverwaltung nicht. E-Government wird längst zum Nutzen der Bürgerinnen und Bürger eingesetzt.




Herr Waser, wo steht Zürich, aber auch die Schweiz beim E-Government im Vergleich zum Ausland?

Waser: Die Schweiz ist ein Land, das vergleichsweise sehr viel in IT, Telekommunikation und Software investiert. Unser klares Manko ist jedoch die produktive Ausnutzung dieser Infrastruktur. Darin sind uns die Nachbarländer deutlich voraus. Österreich lag stark zurück, hat dann aber unter Kanzler Schüssel eine grosse Initiative gestartet und liegt heute deutlich vor unserem Land. Das sollte uns anspornen.

Ledergerber: Auch bei uns gibt es gute Beispiele. Brauchen Sie eine Tageskarte für die Blaue Zone, bekommen Sie diese in kürzester Zeit über das Internet. Services dieser Art gibt es bei uns viele, und sie funktionieren allerbestens. Wo es noch hapert, sind Dienste, bei denen rechtsgültige Unterschriften eine Rolle spielen. Die Signaturen müssen als echt und einklagbar erkannt werden. Da haben wir noch grosse Defizite.

Waser: Mit E-Government sind in allen drei Bereichen beträchtliche Produktivitätsfortschritte zu erzielen – im Verkehr von der Verwaltung zu den Bürgern, von der Verwaltung zur Wirtschaft und von Verwaltung zu Verwaltung. In einem Land mit ausgeprägten föderalistischen Strukturen wie die Schweiz sind gewisse Hürden zu nehmen. So ist die Harmonisierung von Registern hierzulande sicher aufwendiger als in unserem Nachbarland.

Ledergerber: Wenn Sie grosse Datenbestände verfügbar machen wollen, die auf Jahrzehnte zurückreichen, kommen Sie irgendwann an den Punkt, an dem sich der Aufwand für die Digitalisierung nicht mehr lohnt, da der Zugriff auf diese Daten so selten ist, dass sich die Kosten nicht rechtfertigen lassen. Grundsätzlich gilt – und das ist die Vision –, dass alle Schalterdienste des Staates für die Bürgerinnen und Bürger über das Internet zur Verfügung stehen sollten. Da nach wie vor ein beachtlicher Prozentsatz der Bevölkerung nicht IT-kompatibel ist, werden wir aber noch auf viele Jahre hinaus für diese Menschen auch von Gesicht zu Gesicht ansprechbar sein müssen.

IT erleichtert auch die politische Partizipation der Bürgerinnen und Bürger. Wie sieht es damit aus?

Ledergerber:Gerade in unserer direkten Demokratie mit jährlich fünf, sechs Urnengängen wird E-Voting bald eine bedeutende Rolle spielen. Auch zwischendurch bieten sich mit E-Voting grosse Chancen, mittels Umfragen die Bedürfnisse der Bevölkerung besser zu erfassen und mit ihr zu kommunizieren. In einigen Jahren wird E-Voting Standard sein und die briefliche Stimmabgabe weitgehend ablösen.




Waser: E-Voting in Ehren. Ich bezweifle, dass uns das gross vorwärtsbringt und dem Staatshaushalt entgegenkommen kann. Die bedeutendsten Fortschritte lassen sich meines Erachtens an der Schnittstelle zwischen Staat und Wirtschaft erzielen, und entsprechend sollte der Fokus der Investitionen darauf gerichtet werden. Wenn der Staat mit der Wirtschaft gleichzieht, die bereits in einem grossen Ausmass IT-fähig ist, sind Produktivitätsgewinne gewiss.

Ledergerber: Ich würde das keinesfalls gegeneinander ausspielen. Dank E-Voting können die Bürger in Zukunft viel präziser sagen, was sie wollen oder nicht wollen. Man kann den Bürgern Varianten vorgeben, über die sie entscheiden können. Und das noch gestaffelt. Mit dem Stimmzettel ist meist nur ein Ja oder ein Nein möglich. Und schon können fünf Jahre Planungs- und Projektierungsarbeit im Eimer sein. E-Voting bietet ganz andere Möglichkeiten: Wollen Sie ein Kongresszentrum? Ja oder Nein? Wo wollen Sie es? Wie wollen Sie es? Das würde der direkten Demokratie Auftrieb verleihen.

Wie sieht es mit dem Nutzen des E-Government für den Bürger aus?

Ledergerber:Der grösste Nutzen liegt in der Information. Sie erfolgt schneller und besser. Erstens erhält der Bürger mit einem Klick einen Überblick, der ihm von einem Schalterbeamten schon aus Zeitgründen kaum gegeben werden kann. Die Menschen müssen zweitens nicht mehr zum Schalter gehen. Und drittens müssen sie nie mehr Schlange stehen. Der Staat profitiert ebenso, indem er die Kosten pro Transaktion senken kann.

Wie gut ist die Verwaltung mit IT ausgerüstet?

Ledergerber:Zürich steht im nationalen Vergleich sehr gut da – auch im Vergleich zur Privatwirtschaft. Die Umsetzung unserer vor einiger Zeit verabschiedeten Strategie läuft auf vollen Touren. Departemente, Ämter, Abteilungen sind weitgehend harmonisiert. Ebenso die Arbeitsplätze. Das senkt unglaublich Kosten. Insellösungen sind praktisch alle abgeschafft oder vollständig integriert. In rekordverdächtiger Zeit ist eine ERP-Lösung (Enterprise Resource Planning) aufgesetzt und zum Jahresbeginn praktisch problemlos in den rund 60 Dienstabteilungen der Stadt implementiert worden. Eine gewaltige Leistung zu Kosten von bloss 15 Millionen Franken, nachdem anfänglich von bis zu 40 Millionen Franken ausgegangen worden war. Jetzt sind wir noch daran, die Zahl der Rechenzentren von ursprünglich über 60 weiter zu reduzieren. Das Ziel ist ein Zentrum und eine Backup-Station für die ganze Stadt. Stolz dürfen wir ebenfalls auf unser internes Verrechnungssystem sein, das dank IT viel von seiner Komplexität verloren hat. Weiter ist eine politische IT-Steuerung geplant, welche die IT-Strategie nicht nur mitformt, sondern auch begleitet und laufend überarbeitet.

Waser: Die Stadt hat wirklich Grosses geleistet. In einem nächsten Schritt besteht nun die Möglichkeit, IT und Kommunikation zusammenzuführen, die jetzt noch auf zwei verschiedenen Plattformen laufen. In einem ersten Pilotprojekt wird ein Präsenzmeldesystem aufgebaut. Man sieht, wo jemand ist, und mit einem Klick ist die Kommunikation zu dieser Person aufgebaut. Auch die sogenannte Green-IT ist ein Thema. Weltweit wird für IT mit 2 Prozent Anteil am Energie-Gesamtverbrauch gleich viel verwendet wie für den globalen Luftverkehr. IT enthält dementsprechend ein riesiges Sparpotenzial. Mit der neuen Strategie hat Zürich diesbezüglich einen Weg in die richtige Richtung eingeschlagen, der es erlaubt, Energie zu sparen.

Doch wie steht es um die Produktivitätsentwicklung beim Staat? Hat die IT eine Verbesserung gebracht?

Ledergerber: Wenn wir Prozesse und Aufgaben wie vor 50 Jahren hätten, wäre die Produktivitätsentwicklung dank IT gewaltig. Doch die Anforderungen an den Staat sind unglaublich gewachsen. Die Legiferierung, ja Überregulierung, verlangt vom Staat Arbeitsleistungen, die zwar dank IT vereinfacht werden können, jedoch immer noch zu steigenden Kosten führen. Auch die Komplexität des Alltags hat deutlich zugenommen und schlägt sich im Aufwand nieder. Ein substanzieller Teil des Produktivitätsfortschritts schlägt sich aber auch in einer substanziellen Verbesserung des staatlichen Angebots nieder. Wir sind in der Lage, der Bevölkerung heute Dinge anzubieten, von denen wir früher nur träumen konnten.

Waser: Fairerweise muss auch festgehalten werden, dass es nicht einfach ist, die Produktivität von Wissensarbeitsplätzen zu messen. Doch das Problem liegt, wie eingangs schon erwähnt, andernorts. Wie Avenir Suisse gezeigt hat, ist die Schweiz bei den IT-Investitionen weltweit an der Spitze. Bei der Nutzung sind wir jedoch nicht besonders gut. Wir brauchen ein Umdenken sowohl in der Wirtschaft wie auch beim Staat. IT wird oft noch sozusagen als Schreibmaschine eingesetzt. IT muss jedoch integral genutzt werden – «collaborative», wie wir sagen. Dazu gehört, dass Dokumente zentral abgelegt werden und dass alle Zugriff haben und daran arbeiten können. Dazu gehört weiter «unified communication» – also die Verschmelzung von IT mit der Kommunikation. All das verlangt letztlich nach Veränderungen im Verhalten des Einzelnen und in der Organisation. Erst dann können wir aus den IT-Investitionen den vollen Nutzen ziehen.

Ledergerber: Das glaube ich auch. In welchem Dilemma wir stecken, zeigt das kleine Beispiel. Einst träumten wir vom papierlosen Büro, das dank IT möglich sein sollte. Tatsache ist, dass wir heute viel mehr Papier als früher brauchen, teils aus Bequemlichkeit, teils wegen der gestiegenen Ansprüche, unter anderem, alles gleich mehrfach ablegen zu müssen.

Vielleicht liegt der Missstand in der Schulung. Wer weiss schon, mit IT richtig umzugehen?

Waser:Gewiss ein zentraler Punkt! Sehr oft sind die Chefs ein schlechtes Vorbild, was den Einsatz von IT am Arbeitsplatz betrifft. Das Verständnis für die eingekaufte Technologie hinkt deutlich hinter den Möglichkeiten her, die sie bietet. Dieser Zustand wird sich aber mit neuen Nutzergenerationen, die mit IT gross geworden sind, rasch ändern.


Ledergerber: Das sehe ich genauso. Als Vertreter einer Generation, die noch im Dampfmaschinen-Zeitalter der Schreibmaschine aufgewachsen ist, finde ich es gleichwohl beachtlich, was wir an Entwicklung bewältigt haben. Der Gesetzgeber muss aber ganz klar vorwärtsmachen und die Archivierungsgesetze lockern. So detailliert für die nächsten Jahrhunderte abzulegen wie heute ergibt irgendwie keinen Sinn.

Heute ist viel vom IT-Nachwuchsproblem die Rede. Zu Recht?

Waser: Ja, die Pipeline mit Nachwuchs ist am Austrocknen. Wir zählen in der Schweiz gut 120 000 Informatikerinnen und Informatiker. Davon steigen jedes Jahr 6000 aus, doch es kommen nur 3000 neu hinzu, und die wenigsten davon mit einer höheren Ausbildung. Diesen Engpass müssen wir wegbringen, sonst ist alles Gerede um fehlende Produktivitätsfortschritte in der IT unglaubwürdig.

Worauf ist diese Situation zurückzuführen?


Waser: Die Informatiker haben ein völlig verstaubtes Image. Das gängige Bild von den vor den Bildschirmen vereinsamten Computerfreaks ist total falsch. Die heutige Arbeit ist teamorientiert, lebhaft und dynamisch. Wer bei uns hereinschaut, kann sich jederzeit davon überzeugen. Man müsste das wirklich besser verkaufen.

Ledergerber: Das ist Ihre Aufgabe. Ich kann diese Entwicklung nicht ganz nachvollziehen. Es braucht eine klare Aufwertung der IT-Berufe, und die muss schon in der Volksschule beginnen. Es kann doch nicht sein, dass unsere Jungen IT-Berufe verschlafen und wir auf den Import ausländischer Kräfte angewiesen sind. Die Schweiz hat hier eine volkswirtschaftliche Schwäche. Herr Waser, Ihre Industrie hat da eine wirkliche Herausforderung zu bestehen.

Waser: Ich möchte sagen, Sie wie wir. Auch die öffentliche Hand ist gefordert, die entsprechende Ausbildung zu fördern.

Ledergerber: Man muss zu den Leuten gehen. Machen Sie einen jährlichen Parcours der IT, wie das kürzlich die Universität Zürich zu ihrem 175-jährigen Jubiläum sehr erfolgreich mit ihrem Parcours des Wissens vorgemacht hat. Wir helfen Ihnen, im öffentlichen Raum einen entsprechenden Standort zu finden.

Welchen Stellenwert hat die IT-Industrie für Zürich?

Ledergerber: Zürich ist der IT-Standort Nummer eins in der Schweiz, wenn ich das so sagen darf. Neben Microsoft unterhalten hier IBM und wie jedermann weiss Google Entwicklungszentren. Sie alle profitieren von den beiden Hochschulen und von der Offenheit, gute Kräfte aus der ganzen Welt nach Zürich bringen zu können. Für uns ist IT einer der zentralen Wirtschaftssektoren, die stark wachsen sollen.

Waser: Wir bauen in Zürich gerne aus. Entsprechende Pläne liegen bereits auf dem Tisch. Neben unserem Hauptquartier in Wallisellen, wo über 350 Mitarbeitende beschäftigt sind, hat unser Development Center in der Stadt, das eng mit der ETH in Zürich und in Lausanne zusammenarbeitet, einen hohen Stellenwert. Bald werden dort an die 200 Leute beschäftigt sein, die praktisch ausschliesslich Forschung und Entwicklung (F&E) betreiben.

Ledergerber: Schon jetzt sind in Zürich im F&E-Bereich gegen 2 Prozent der Arbeitsplätze angesiedelt. Mit grossem Effort möchten wir darum die Infrastruktur ausbauen, das Breitbandangebot sowie in der Innenstadt das Wireless LAN. Hier darf es keine Engpässe geben. Leider haben wir immer noch gegen die Meinung anzukämpfen, es bestünden gesundheitliche Risiken. Hoffentlich gelingt es der Forschung bald, diese Bedenken mit vereinten Kräften zu zerstreuen.


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