Digitaler Wandel im Dienst der Gesellschaft: Ein Interview mit Algorithmenethik.de

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Vergangene Woche wurde zum dreizehnten Mal der Social-Media-Preis „Goldene Blogger“ verliehen bei Microsoft Berlin. Wir durften in diesem Rahmen mit den Macher*innen des Blog algorithmenethik.de der Bertelsmann Stiftung über digitale Verantwortung, Ethik und gesellschaftlichen Wandel sprechen.

In welcher Verantwortung seht ihr euch als reichweitenstarkes Projekt und wie geht ihr mit dieser Verantwortung um?
Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Algorithmen und Künstlicher Intelligenz (KI) hat in Deutschland und Europa rasant an Fahrt aufgenommen. Staatliche wie privatwirtschaftliche Akteure, Zivilgesellschaft und Wissenschaft beschäftigen sich verstärkt mit der Frage, welche Auswirkungen die Automatisierung von Entscheidungsprozessen auf die Gesellschaft und unser Zusammenleben hat. Die Bertelsmann Stiftung setzt sich im Projekt „Ethik der Algorithmen“ mit den sozialen Folgen algorithmischer Entscheidungsfindung auseinander. Wir wollen zu einer Gestaltung algorithmischer Systeme beitragen, die zu mehr Teilhabe für alle führt. Nicht das technisch Mögliche, sondern das gesellschaftlich Sinnvolle muss Leitbild sein, damit maschinelle Entscheidungen den Menschen dienen. Denn das übergeordnete Ziel unserer Stiftungsarbeit ist es, den digitalen Wandel in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Seit 2017 arbeiten wir deshalb daran, die Gesellschaft für die Relevanz algorithmischer Entscheidungsfindung zu sensibilisieren, den Austausch zwischen Disziplinen und Sektoren zu dem Thema zu fördern und praktische Lösungen für den gemeinwohlorientierten Einsatz von Algorithmen zu entwickeln. Hier trägt das Blog algorithmenethik.de mit Beiträgen von vielen unterschiedlichen Autor:innen zu einem breiten Diskurs bei!
Mit welchem Thema sollten sich Blogger*innen in diesem Jahr mehr beschäftigen?
Mit den tatsächlichen Chancen von Technologie für eine bessere Gesellschaft! KI wird häufig mit Magie assoziiert und, auch aufgrund eines fehlenden Verständnisses für ihre Funktionsweise, als einfache Lösung für komplexe Probleme verstanden. Das kann dazu führen, dass die Technologie zur Bekämpfung von Symptomen eingesetzt wird, während die wahren Ursachen der Probleme ungelöst bleiben. Um nicht in die Falle dieses als „Techno-Solutionism“ bezeichneten Phänomens zu tappen, starten wir die Diskussion über algorithmische Innovation mit der Analyse analoger Probleme und der Entwicklung von gesellschaftlichen Visionen, statt allein von der Technologie aus zu denken: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Welche Hindernisse bestehen zwischen gesellschaftlichen Visionen und aktuellen Realitäten? Wie kann Technologie uns helfen, diese Hindernisse zu überwinden und den Visionen näher zu kommen? Diese Fragen gehen uns alle an, auch Nicht-Techies. Blogger*innen können deshalb zum Austausch anregen und dazu beitragen, dass nicht nur Informatiker*innen über die gesellschaftlichen Visionen von morgen nachdenken!
Welche Bedeutung haben die Plattform, auf der ihr am aktivsten seid, und eure Community für euch?
Mit dem Blog algorithmenethik.de und unserem Twitter-Kanal (@algoethik), aber auch mit unseren privaten LinkedIn-Profilen machen wir auf die gesellschaftlichen Folgen von KI aufmerksam und sensibilisieren eine breite Bevölkerung – beispielsweise über den wöchentlichen Newsletter #Erlesenes. Die fünf Lesetipps zu KI richten sich auch an Neulinge in der KI-Szene. Über die Plattformen lernen wir aber auch selbst viel und bekommen damit auch von kleinen und großen Projekten aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft etwas mit. Bei der Entwicklung unserer Algo.Rules (neun Regeln für die ethische Gestaltung von Algorithmen) haben wir beispielsweise unsere Community aufgerufen, mitzumachen. So haben sich mittlerweile über 400 Menschen daran beteiligt. Damit sind die Regeln auch Ausdruck und Ergebnis unserer Community!
Wie können oder sollten Unternehmen ihre Stimme im digitalen Umfeld nutzen?
Bei der Entwicklung der Algo.Rules haben wir viele engagierte Unternehmer:innen kennengelernt, die sich mit den ethischen Implikationen ihrer Arbeit beschäftigen. Das können und sollten Unternehmen transparent machen, um sich mit anderen willigen Unternehmen zusammenzutun und um sich auch an den eigenen Maßstäben messen zu lassen. Ganz nach dem Motto: Gemeinsam schafft man mehr!
Was wäre die eine Frage, die du Microsoft stellen würdest?
Was hat sich seit Einführung der Microsoft Prinzipien zur KI Ethik positiv im Unternehmen verändert?
Gute Frage! Wir können sagen: So einiges! In diesem Sinne: Seid gespannt, was wir in Kürze neues für euch bei Microsoft Berlin haben. So viel können wir schon sagen: Eine physische Begegnung mit der ethischen Auseinandersetzung um Künstliche Intelligenz.